Anleitung zur Coolness: Fotografien von Anton Corbijn in der c/o Berlin


Ausstellungskritik

Meine erste Begegnung mit Anton Corbijn fand 2007 statt – und zwar in einem Kino. Ich sah mir den Film Control über den früh verstorbenen Joy Division-Sänger Ian Curtis an. Diese erste Kinoarbeit des holländischen Fotografen markiert einen seltsamen Punkt in dessen Karriere. Der Film unternimmt eine merkwürdige Verdopplung der inzwischen ikonischen Ästhetik von Joy Division, die Corbijn als Fotograf der berühmtesten Bilder der Band mitgestaltet hat. Die düstere Schwarz-Weiß-Ästhetik seiner Fotos übertrug den ebenso dunklen Sound der Band auf die visuelle Ebene. Corbijn verfilmte praktisch seine eigenen, historischen Fotografien. Natürlich gibt es noch andere wichtige Einflüsse auf die Ästhetik der Band, die Albumcover von Peter Saville einerseits, aber genauso die corporate identity des Manchester Factory Labels, auf dem die Platten der Band erschienen. Doch Joy Division waren so etwas wie der Anfangspunkt der internationalen Karriere Corbijns – und so sehr er ihre visuelle Ästhetik prägte, so prägte auch die Band den Fotografen Corbijn und seine künstlerische Arbeit. Noch immer zählen sie zu seinen berühmtesten Werken und die ebenfalls ikonischen Bilder von U2 und Depeche Mode schließen daran an.

Sebastian Thede (mit dem ich diesen Blog hier betreibe) hat ganz richtig festgestellt, dass Schauspieler in Biopics meistens besser aussehen als ihre historischen Vorbilder. Ob das auch bei Control zutrifft, weiß ich nicht – sicher ist aber, dass auch schon die Fotos von Corbijn die Band ziemlich gut aussehen ließen. Und das zieht sich durch die meisten seiner Arbeiten: Sie sind der Inbegriff cooler Bandfotos geworden. Die bekanntesten zierten manchmal gar Albumcovers und wurden so etwas wie Signaturen der Musiker: Michael Stipe von REM mit geschlossenen Augen bis zur Brust im Wasser, Nick Cave vor einer grauen Backsteinwand, sein Blick nach oben gerichtet. Und natürlich Joy Division von hinten aufgenommen, wie sie einen U-Bahnschacht hinunterlaufen, nur Ian Curtis im schwarzen Mantel dreht sich zur Kamera um, blickt uns, die Betrachter, an, ohne dass wir seine Augen sehen können. Spätestens bei der Ausstellung in der c/o Berlin wird mir klar, dass Control natürlich nicht meine erste Begegnung mit Corbjin war, sondern dass ich diese Bilder schon lange kenne, ohne sie ihm zuzuordnen.

Seine Stil ist mir sogar noch vertrauter als die Motive. Und das ist auch das Problem der Ausstellung: Die Fotos und ihre Ästhetik sind Mainstream geworden – sie haben die visuelle Seite der Popmusik wie kaum etwas anderes geprägt. Und so steht man vor den Abzügen in den Ausstellungsräumen und rät, wie die meisten anderen Besucher, welcher Schauspieler oder Musiker abgebildet ist – ohne die künstlerische Seite zu würdigen. Zu vertraut fühlt sich das alles an. Dazu kommt, dass Corbjin seine Modelle nie bloßstellt, die Stars können sich ihm ausliefern, weil das Trademark Corbijn sie im coolen Pop-Licht erscheinen lassen wird. Selbst deutsche Provinzgrößen wie Herbert Grönemeyer sehen auf seinen Fotos fast aus wie echte Popstars. Und hängen zwischen Bono, Mick Jagger und Iggy Pop.

Es gibt aber auch andere Fotografien, die das Feld des Pop verlassen. Sie verdeutlichen Corbijns Herangehensweise, so viel persönliche Authentizität wie möglich abzubilden, indem er versucht eine Beziehung mit dem Porträtierten aufzubauen: Der alte Allen Ginsberg im Profil, der allein vor einem Fenster sitzt, die Hände auf dem Schoß gefaltet, der Blick nach draußen auf einen schäbigen Innenhof gerichtet. Gerhard Richter von hinten vor einem seiner Gemälde. Ganz ohne Pathos scheint ihr so etwas wie die Einsamkeit eines alternden, weltberühmten Künstlers auf.

Doch die coolen Pop-Poträts überschatten die leiseren Töne. Selbstverständlich ist es gemein, einen Pionier der Pop-Fotografie vorzuwerfen, dass er nun zum Mainstream geworden ist und seine stilvollen Schwarz-Weiß-Fotos seit Generationen an den Schränken popaffiner Teenager hängen. Trotzdem stellt sich die Frage, warum man sich seine Bilder in einer Ausstellung anschauen muss. Sie begegnen uns doch ohnehin fast täglich – vielleicht nicht als Originale, aber in ihrer ästhetischen Dimension.

Corbijn weiß das natürlich und mit den Fotos seiner a. somebody-Serie reflektiert er unter anderem die ikonische Kraft der Abbildungen von Stars und Prominenten. Dabei verkleidet er sich mehr schlecht als recht als ein verstorbener Musiker, etwa als George Harrison, Bob Marley oder Frank Zappa, und inszeniert sich in der Landschaft seiner holländischen Heimat. Einerseits koppelt er damit auf geschickte Weise seine eigene Biographie an das System Pop, das er mit seinen Fotos mitgestaltet hat, andererseits entsteht hier ähnlich wie bei Control eine Verdopplung: Der Fotograf Corbijn spielt (allerdings nicht seine eigenen) Fotografien nach, die den Originalen bis zu einem gewissen Grad gleichen. Dadurch sind diese interessantesten (und auch lustigsten) Arbeiten, die in der Ausstellung zu sehen sind, Vereinnahmung und Distanzierung zugleich.

Im Endeffekt zeigen Corbjins Fotos unsere eigene popkulturelle Geschichte, sie sind der Ort unserer adoleszenten Phantasien, eine Art Anleitung zur Coolness: Man möchte so träumerisch aussehen wie Micheal Stipe, so albern wie John Lydon, so wütend wie Neil Young. Und wenn man das schon nicht kann, so pinnt man die Fotos von ihnen wenigstens an eine Schranktür.

Anton Corbijn: Retrospektive. Hollands Deep & 1-2-3-4 bis zum 31.1.2016 in der c/o Berlin Foundation.

Die Kataloge zu den zwei Ausstellungsteilen sind bei Prestel und Schirmer/Mosel erschienen.

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