Die Stunde zwischen Frau und Gitarre. Nominalisierungsneurosen bei Clemens J. Setz


Literaturkritik

„Folgen Sie diesem Heißluftballon!“ Was mit einem solchen Satz beginnt, kann kein schlechter Text sein. In der Tat ist die Vielzahl an Elementen, die Clemens J. Setz in seinem umfangreichen Roman Die Stunde zwischen Frau und Gitarre miteinander kombiniert, außerordentlich. Allein dieses erste Bild der Verfolgungsjagd eines Ballons thematisiert einige später noch wichtige Auseinandersetzungen: Technik und Natur, der unerreichbare Fokuspunkt am Horizont, oder die luftigen Aggregatzustände Wind gegen Heißluft, mit denen eine voranschreitende Dissoziation des Materiellen angesprochen wird. Wem das zu abstrakt und allgemein, vielleicht auch zu groß und global ist, hat einen Punkt: Nichts weniger als eine umfassende Reflektion auf Unverfügbarkeiten mittels des seinerseits flüchtigen Instruments hochgradig artifiziellen Sprechens bildet den Sauerstoff, mit dem dieser Roman künstlich beatmet wird.

Zur Beruhigung lauern in den Zwischenräumen noch einige handfeste Stränge, an denen Navigation und Orientierung zu finden ist. Als Rezensent fühle ich mich schließlich auch verpflichtet, etwas zur Handlung zu sagen, so sehr diese auch zerfällt. Im Buchumschlag wartet bezüglich der Gattungsordnung bereits eine kleine Überraschung. Wie ein Bahnhofsthriller stehen in großem weißen Font auf schwarzem Grund die Namen von Autor und Roman, durchbrochen vom scheinwerferartigen Leuchten mehrerer Ampeln, die alle Farben zugleich ausstrahlen und damit Verbot und Erlaubnis, Halt und Durchlass in verlegener Irritation synchron zulassen. Tatsächlich arbeitet Setz eher mit den Signalen und Zeichen von Spannungsliteratur, als es sich auch in der Substanz um einen packenden Schmöker handelt, bei dem kaum etwas anderes außer Handlung überhaupt beachtenswert wäre.

Zu den Koordinaten: Hauptschauplatz des Romans ist ein betreutes Wohnheim in der österreichischen Provinz, irgendwann zu unserer Zeit. Schon bei der Frage danach, wer hier betreut wird, geraten die Beteiligten ins Stottern. Es gibt dieses eine Wort nicht, das die Mehrwertigkeit überwinden kann, um zugleich die diffusen Krankheitsbilder auf den Begriff zu bringen und dennoch das Menschliche der Patienten zu wahren. Auf diese Weise sammeln sich die Neurosen nicht allein innerhalb der Krankheitsbilder und -beschreibungen, sondern genauso heftig in all den Problemen, die sich überhaupt beim Beschreiben und insbesondere Bezeichnen ergeben. Dieses Ineinander hätte kaum ein besseres Medium erhalten können als die neue Mitarbeiterin Natalie. Sie ist die Hauptfigur: Auch wenn ein Erzähler aus der dritten Person für den Löwenanteil der Benennungsversuche verantwortlich ist, so scheint er magnetisch an die junge Frau gebunden. Natalie ist eine der faszinierendsten literarischen Figuren, die es derzeit geben kann. Sie zeichnet sich durch eine automatisierte Künstlichkeit aus, die sowohl auf der Handlungsebene funktioniert wie auch aus der literarischen Position heraus, auf der wir so implizit wie nötig sowieso nicht darum herumkommen, uns ständig über die Gemachtheit der Figuren zu wundern.

Hochgradig gemacht scheint Natalies Vorliebe für das Bizarre, die hier mit einer solchen Dringlichkeit vorgestellt wird, dass die zugrundeliegenden Konzeptionen kaum übersehbar werden: Ambivalenz und Differenz im theoretischen Sinne, das Ätherische und Digitale einer durchtechnisierten Gesellschaft im ganz konkreten Vorliegen: „Natalie konnte keinen Lichtschalter betätigen, ohne ihn nicht zumindest für ein paar Sekunden genau an der Übergangskante zwischen Strom und Nichtstrom zu balancieren“. Wie die Experimente mit dem Lichtschalter finden sich zahlreiche Expeditionen in Zwischenwelten, die aufgrund ihrer hohen Relevanz für die Konstitution von Zeitgenossenschaft das feine Netz bilden, in dem Setz seine vielfältigen Konfrontationen von Gegenwart und Sprache stattfinden lässt. Die leidliche Frage, die sein Buch schließlich nicht befriedigend aufgreift, lautet allerdings, ob der Roman noch das adäquate Mittel für dieses Unterfangen ist. Noch früh im Text wird nach einer der vielen (und gerade in der Beschreibungsintensität überflüssigen) sexuellen Begegnungen der nach Oralverkehr süchtigen Natalie klargestellt: „Nichts von dem, was sie sprachen, hatte noch irgendeine Bedeutung. Es war wunderbar“. Die poetischen Strickmuster, mit denen Setz operiert und an denen er interessiert ist, haben Dutzende derart explizite Auftritte. Den umfassenden Aufruf der eigenen Mittel mit den enzyklopädischen Auswüchsen romanhafter Traditionen zu erproben, wirkt ohne Aktualisierungsdiskurs dieser Gattung insgesamt unstimmig – schließlich sind die Tendenzen der postmodernen Techniken ewiger Ausflucht ihrerseits inzwischen etwas angerostet. Der unendliche Spaß, so scheint es, erhält langsam einen Schwanengesang.

Setz‘ Untersuchungen der Psychologie von Maschinenmenschen bergen typischerweise für diese Art des Schreibens doch noch eine besondere Episode, an der sich auch Kritik und Klappentext dankbarerweise abarbeiten können. Im betreuten Wohnen kommt Natalie einem verschwörerischen „Arrangement“ zur Sanktionierung eines hiesig behandelten Stalkers auf die Schliche. Es wäre aber ein Fehlschluss, deswegen eine treibende Verarbeitung dieses sehr realen Themas zu erwarten und im Sinne einer pathographischen Schilderung den eigenen voyeuristischen Durst nach Erfahrungsbeschreibungen von Voyeuren gestillt zu bekommen. Der Horror, der sich mit Verfolgung und Verfolgungswahn assoziiert, ist angedeutet, gehört aber keinesfalls zum Programm. Vielmehr nutzt der Roman sein Szenario, um in Anlehnung an große Vertreter wie Thomas Manns Zauberberg, Ken Keseys One Flew Over The Cuckoo’s Nest oder auch jüngst Angelika Meiers Heimlich, heimlich mich vergiss ein pars pro toto von Epochen und Gesellschaftsausschnitten mit dem hohen Grad an Irrsinn und Verrücktheiten von Gesellschaften und Sprachspielen herauszulösen.

Dabei ist es hochinteressant zu beobachten, wie der Hintergrund von Sanatorium und Rekonvaleszenz, der unweigerlich mit dem Zepter des Wahnsinns regiert, sich zur Speerspitze des literarischen Höhenkamms entwickelt hat. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war Wahnsinn allenfalls noch avantgardistisch; dieser Tage ist es das Gesellenstück des künftigen literarischen Klassikers. Setz‘ Roman wurde als solches auch folgerichtig mit dem Wilhelm-Raabe-Preis prämiert. Äußerst überzeugend ist dabei die Strategie, aus der Sicht des Pflegepersonals Wahnsinn als für die Moderne integrales Gebiet mit dem im 21. Jahrhundert entscheidenden Stoff der Arbeit zu überkreuzen. Die Fallstricke der work-life-balance, die die eigene Differenz gar nicht mehr kennt, erhalten mit den penetranten wie wirkungslosen Nominalisierungs- und Verständnisversuchen ein durchaus fesselndes Bild. Dass im Wikipedia-Zeitalter nämlich das Faktische nicht mehr gegen das Ambivalente ankommt, gehört mit hohem Bezug auf aktuelle Kommunikationssysteme und ihre Ontologieproduktion zur großen Problematik von Die Stunde zwischen Frau und Gitarre. Es hat etwas Spirituelles, wie Natalie mit der von digitalen Kanälen durchdrungenen Welt wieder in eins fallen möchte, ohne dabei einen Naturzustand anzustreben. Stattdessen wird mit den eigensten Mitteln dieser Welt nach einem Zustand der Gewissheit getrachtet.

Neben der Vorliebe für zweckentfremdete Lichtschalter und eine an Youporn geschulte Pornoklaviatur finden sich viele weitere Kleinigkeiten, die eine netzbetriebene Obdachlosigkeit umtreiben: Natalies krasse Verbundenheit zur Gegenwart (im unmittelbaren, temporalen Sinn) äußert sich in einer Obsession mit allem, was live ist – und sei es das letzte Aufbäumen von Wetten, dass. Ihr detektivischer Charakter findet sich in der Aufnahme von Gesprächen mit ihrem I-Phone und dem Hören von Podcasts wieder. Ein Hauptkommunikationsmittel ist zudem der Chat – eine gespenstische Art und Weise des Sprechens, die nur mit dem Fort-Da ihres Katers, der auch auf den Namen Chat hört, vergleichbar ist. Dazwischen formiert sich eine Wirklichkeitsrezeption in der Metaphorik von Videospielen, Comics, Popkultur, mit denen die philosophisch-physikalischen Fragen nach künstlicher Intelligenz und Singularität ein poetisches Set aus Synästhesie und Synchronizität erstellen. Narratologische Fragen, etwa nach der „Macht des Erzählers“, sind untrennbar mit ihnen verknüpft. All die daraus sich ergebenden Abfolgen des Unzusammenhängenden – „Nonseq“, wie Natalie es nennt – stricken einen hehren Versuch, die liquide, ätherische und überhaupt von multiplen Aggregatzuständen gekennzeichnete Moderne mit den Mitteln der Literatur an die Wand zu nageln.

Allein, es geht nicht wirklich auf. Es bleibt nach Lektüre sogar auffällig im Gedächtnis, wie sich die neuen Medien einer klassischen literarischen Bearbeitung vollends entziehen. Der Trend, dass Fotografie und Film in die künstlerischen Formen gewinnbringenden Einzug gehalten haben, ist schließlich auch schon über hundert Jahre alt. Die entscheidenden Strukturen stehen nicht mehr bereit, um auch noch Internet und Smartphone strukturell zu integrieren.

Die dennoch unternommene Suche nach einer neuen Sprache findet in ständiger Verquickung von E- und U-Themen statt. Hier liegt auch einer der Gründe, weshalb der Text zuweilen sauer aufstößt, denn Die Stunde zwischen Frau und Gitarre ist sich der Unterscheidung von Hoch- und Niedrigkultur noch viel stark zu bewusst, um sie nicht zu reproduzieren. Passagen, in denen zwar versucht wird, eine Erzählkultur aus Phänomenen wie GTA 4 zu destillieren, wirken lauwarm, da sie sich letztlich für ein Kulturpublikum inszenieren. Dieses benötigt vielleicht nicht einmal eine besondere Explikation der erfolgreichen Spieleserie, scheint sie aber aus Eitelkeit dennoch zu erwarten und wird auch prompt bedient. Die gesamte Konstruktion, so schlau und schön und zuweilen lustig sie auch sein mag, leidet unter der Zerrissenheit, die sie gerade artikulieren möchte. Das Biedere und Überfüllte stört die Nähe zum Text.

In gewisser Weise gilt all dies bereits für den Titel. Einmal heißt es im Roman über eine verquere Metapher: „Das war ein komischer Vergleich, ein hübsches Bild“. Diese Äußerung fasst die Freude am Durchgestrichenen, indem sie das zuvor Gesagte zunächst denunziert, ihm aber darin sofort poetische Qualität zuspricht. Zugleich steht ein solcher Salto für den mangelnden Sinn ein, wenigstens ein einziges Mal die gefertigte Sprache aufrechtzuerhalten. So ist der Satz ein inadäquates Eigenlob für dasjenige Bild, das auch Die Stunde zwischen Frau und Gitarre erzeugt und das vom Buchdeckel aus die Situation zwischen den Grenzen bündelt: Die Stunde zwischen Frau und Gitarre ist das Metaphorische schlechthin, im wörtlichen Sinne, die Übertragung, die Frau und Gitarre voneinander unterscheidet. Sie ist das Kritische, das hier in ein zeitliches Muster gezwungen wird, und darauf deutet, was uns in der Übertragung auch an Sinn verloren geht. Es ist als der Abstand zu verstehen, den wir zum Verstehen überbrücken müssen; dies mag eine Stunde dauern, vielleicht aber auch die gut dreißig Stunden, die ich in die Stunde zwischen Frau und Gitarre investiert habe.

Well played, möchte man Clemens J. Setz im Anglizismus- und Jugendsprech des Romans zurufen, muss es aber gleich wieder durchstreichen, da es so unpassend wirkt, und verfängt sich gerade deswegen in seiner eigenen Rhetorik. Die Schwierigkeiten eines Metatextes zu Setz‘ Buch sind also weise und strategisch provoziert. Man möge mit viel Kondition diese starken Schwächen verzeihen und bis zum Ende durchhalten, denn die Lektüre lohnt sich, sei es auch, wie in meinem Fall, um mitreden zu dürfen darüber, was am Prinzip Roman in der Gegenwart derzeit unzeitgemäß ist und warum er vielleicht nur noch Wunderdoktor und Quacksalber hinsichtlich all unserer Nominalisierungsneurosen sein kann.

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