Eine Annährung: Jonathan Franzens Purity


Literaturkritik

Mit Jonathan Franzens Büchern konnte ich früher überhaupt nichts anfangen. So wenig, dass ich sie erst gar nicht gelesen habe. Ich bin tatsächlich erst vor fünf Jahren bei Freedom eingestiegen und nicht mit seinem Roman The Corrections, der ihn 2001 weltweit berühmt machte. Diesen Gestus zum großen Roman, zur allumfassenden Geschichte, die auch noch als Familienchronik daherkommt, vermeintlich konservativ erzählt, fand ich irgendwie abstoßend. Wie vermessen von diesem Amerikaner, wirklich anzunehmen, unsere postmoderne und postkapiatlistische Welt lasse sich noch mit einem traditionellen Roman beschreiben. Ein großer Irrtum. Meinerseits. Ich glaube, nur wenn man Franzens Bücher nicht liest, mag man sie nicht – wahrscheinlich sogar zu recht, denn sie strahlen eine Aura aus, die eigentlich gar nichts mit ihnen zu tun hat.

Ich habe lange überlegt, ob ich etwas zu Jonathan Franzen schreiben sollte, jetzt, da ich ihn gelesen habe, die Aufgabe schien irgendwie monumental. Außerdem: Durfte ich das überhaupt? Schließlich war ich kein Franzen-Jünger der ersten Stunde. Dies soll auch keine Rezension sein, eher eine Art Annäherung an seinen neuen Roman Purity, der auf Deutsch unter dem etwas unglücklichen Titel „Unschuld“ diesen Herbst erschienen ist (vielleicht, um Putzmittel-Assoziationen bei einem möglichen Titel „Reinheit“ zu verhindern). Aber vielleicht kann ich ja den einen oder anderen Skeptiker überzeugen, doch einmal einen Franzen in die Hand zu nehmen, denn weiterhin werden die oben beschrieben Vorurteile verbreitet, die mich lange von einer Franzen-Lektüre abhielten. Kürzlich schrieb etwa der deutsche Schriftsteller Jan Brandt in der ZEIT von „ästhetischer Rückwärtsgewandtheit“, die er bei Franzen an manchen Stellen ausmache, außerdem sei er „ein reaktionärer Idealist, der einen Feldzug gegen die Verlockungen des Informationszeitalters führt“.

Natürlich sind Franzens Romane weder stilistisch noch formal experimentell, ihnen deswegen „Rückwärtsgewandtheit“ zu attestieren, trifft es allerdings nicht. The Corrections ist ambitioniert gebaut, lange Passagen sind aus der Sicht eines Alzheimer-Kranken erzählt, mathematische Berechnungen werden eingearbeitet, nicht zuletzt gibt es Anleihen am Science-Fiction, als das ominöse Korrekturen-Verfahren beschrieben wird, übrigens in Form eines absurden Werbevideos. In Purity kommen SMS-Dialoge dazu, Emails werden eingebaut – und zwar keineswegs als eine Art „Briefwechsel“ wie Brandt behauptet, sondern als kurze und durchaus handlungsbestimmende Dialoge. Hinzu kommt die Erzählhaltung, die wenig mit Thomas Mann zu tun hat (nicht nur Brandt sieht hier Parallelen). Es gibt keinen allwissenden Erzähler, der womöglich ironisch das Geschehen kommentiert. Der Erzähler ist immer so nah an den Figuren wie möglich, selbst wenn nicht aus der Ich-Perspektiver erzählt wird. Statt Mann ist hier womöglich eher Kafka eine Referenz. Der Erzähler sagt „Ich“ ohne „Ich“ zu sagen. Eine Art „K.“, der zwar nicht auf den Autor verweist, aber die Figurensicht als oberstes Gebot der Erzählung installiert. Überhaupt handelt es sich hierbei um eine der Stärken von Franzens Autorschaft: Er kann Figuren erschaffen, denen man glaubt. Auch wieder in Purity – obwohl er sein angestammtes Terrain, die USA, verlässt, und eine Jugend in der DDR aus der Sicht eines Deutschen schildert. Wie so oft bei Franzen schafft er es, genau so viele Klischees aufzurufen, wie nötig, um die Geschichte glaubhaft zu erzählen – ohne in die Trivialität abzurutschen.

Das Zentrum des neuen Romans bildet dann auch eine leicht klischeehafte Figur, nämlich Pip, die eigentlich Purity heißt, Mitte zwanzig ist und nicht so recht weiß, wohin es mit ihrem Leben gehen soll, nach ihrem Studium. Noch dazu hat sie Schulden und ist unglücklich in einen älteren Mann verliebt. Durch Pips Augen sieht der Leser das Geschehen, bei ihr laufen die Fäden zusammen. Trotzdem wirkt sie seltsam leer im Vergleich zu den anderen Figuren, wird eher durch ihre Funktion zu Beobachten bestimmt. Gleichzeitig steht sie für die Zukunft – eine Zukunft die durch die vorige Generation, sowohl auf familiärer als auch weltpolitischer Ebene, determiniert ist. Einen Ausbruch wagt sie am Ende doch. Das bleibt wenigstens zu hoffen.

Denn Purity ist kein pessimistisches Buch, das würde zu kurz greifen. Im Interview in der ARD-Büchersendung Druckfrisch sagte Jonathan Franzen, dass sein deutsches Lieblingswort „obwohl“ sei. Eine Aufgabe des Schriftstellers wäre es nämlich, dieses „obwohl“ in Büchern auszuformulieren, nicht nur den einen Standpunkt zu vertreten, sondern weiterzudenken. Bei Twitter sei das eben schwieriger, schließlich habe man da nicht gerade viel Platz und Zeit. Es kann also Hoffnung geben, obwohl es schlecht aussieht. Und auch das Internet, das vermeintlich so schlecht wegkommt in Purity, kann für gute Zwecke genutzt werden, obwohl das zunehmend schwieriger wird, wenn man das Überwachungspotential ernst nimmt. Das im Roman beschriebene „Sunlight Project“ ist eine Obwohl-Mischform aus Wikileaks und Google. Es geht zwar um politische Aufklärung, diese wird aber betrieben wie von einem Unternehmen, das eher dem Circle aus Dave Eggers Roman gleicht, welches wiederum realen Global Playern des Internets wie Facebook, Google und Apple nachempfunden ist und deren Ambitionen konsequent weiterdenkt. Aber Franzen macht es sich nicht so leicht, und malt wie Eggers ein Schreckensszenario, beschreibt keine Internet-Apokalypse, er möchte nur ein Stück Gegenwart einfangen und große Fragen benennen, die sich oft nur im Kleinen äußern: Woher kommen wir? Was haben wir mit der Welt zu tun? Was können wir tun, um die Entwicklungen zu beeinflussen, die unsere Welt zu unserer Welt macht?

Ich merke gerade, dass ich denen, die Franzen in die konservative-Idealisten-Ecke stellen wollen, vielleicht doch ein Stück weit recht geben muss. Denn am Ende geht es ihm wohl vor allem darum, nicht den einfachen Antworten zu vertrauen und kritisch zu denken. Obwohl das irgendwie altmodisch klingt, sollte man unbedingt Franzen lesen.

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