Der runde Mensch. Manu Larcenets Blast


Literaturkritik

Mit Manu Larcenets vierbändigem Comicroman Blast bestätigt sich einmal mehr der hohe Rang belgofranzösischer Serien und Graphic Novels. Marc-Antoine Mathieus Drei Sekunden. Ein Zoom-Spiel oder die Reihe Unter dem Hakenkreuz von Philippe Richelle und Jean-Michel Beuriot sind nur zwei willkürliche Beispiele des vergangenen Jahrzehnts, die diese herausragende Qualität in die Ära nach Tintin und Asterix importiert haben. An ihnen erweist sich eine außerordentliche stilistische und thematische Breite, in der Avantgarde und Experiment genauso viel zählen wie psychologisch fesselnde und historisch lehrreiche Erzählungen. Auf diesem fruchtbaren Boden offener Vielfalt säht und gedeiht auch Blast. Larcenet widmet sich darin einer meditativen Charakterstudie, die den ungewöhnlich geformten Polza Mancini in den Mittelpunkt stellt. Mehr noch: Mancini bildet mit seinen exorbitanten, buddha-artigen Proportionen ein Gravitationszentrum, das dem eckigen Bildbereich der einzelnen Panels mit kurvigem Schwung Paroli zu bieten weiß. Das Verhältnis zur runden Form, zum Kreis und zur Ellipse, beginnt sich bei Lektüre auch rein visuell zu drehen, und untermauert den Malstrom des Hauptcharakters.

Die Rahmenhandlung der vierbändigen Erzählung wirkt hingegen zunächst äußerst klassisch. Mancini befindet sich in Untersuchungshaft. Wir wissen, dass er mit dem Koma einer gewissen Carole Oudinot in Verbindung gebracht wird, die Details sind allerdings noch offen. Ebenfalls offen bleibt, ob sich der Plot dahingehend eine Überraschung vorbehält oder das Naheliegende – Mancini, der Gewaltverbrecher – ausspielen wird.

Die Techniken und Strategien von Blast entfalten sich erst nach und nach. Es handelt sich, so lernt man schnell, weniger um ein stromlinienförmiges Kriminalgeschehen, als vielmehr um die Geschichte eines Lebens. In dieser Spielweise erinnert Blast an den klassischen Roman oder Filme à la Claude Chabrol. Die Ermittlung stellt lediglich eine Struktur bereit, um den Menschen hinter dem Verdächtigen zu rekonstruieren. Der Literaturwissenschaftler Rüdiger Campe zeigt in einem Aufsatz über Form und Leben in der Theorie des Romans, inwiefern man bereits anhand von klassischen Prosaromanen und theoretischen Reflektionen zu dieser Gattung erkennen kann, dass deren Erzählsituation ähnlich einem Verhör gestrickt ist. Der Erzähler spricht, als würde er das zu Erzählende auf Anfrage lückenlos zur Darstellung bringen, um damit ein detektivisches Erkenntnisbedürfnis der Leser_innen zu befriedigen. Aus dieser Verbindung ziehen viele Fiktionen Gewinn. Die Zusammenstellung des Geschehenen direkt als Befragung zu formalisieren, sie in Gerichtsverhandlungen oder Verhörzimmern zu situieren, wie es etwa Kurusawas Filmklassiker Rashomon erledigt, gehört auch zu den Vorzügen von Larcenets Geschichte.

Um sich dem irritierenden, eventuell geistig verwirrten Mancini zu nähern, wird er von Seiten der Gendarmen gebeten, aus seinem Leben zu berichten, die Puzzleteile zu kombinieren, welche ihn in seine Zelle gebracht haben. Und er berichtet: Von der Vergangenheit als Schriftsteller, Ehemann, Trinker; von der Flucht aus dem bürgerlichen Leben in Natur, Obdachlosigkeit und Einsiedelei; vom vorausgegangenen Tod des Bruders und des Vaters. Letzterer ist im eigenwilligen, manchmal kindlichen und gerade darin verstörenden Strich Larcenets zum Vogel deformiert. Diese rabiate Bildlichkeit deutet den evolutionären Regress an, der im unbehaglichen Vater-Sohn-Verhältnis bereits einsetzte und mit der fatalen Erkrankung des Patriarchen am Körper selbst ausgetragen wird.

Schließlich kommt Mancini auf die wichtigste Zäsur zu sprechen, diejenige, die aus dem rundlichen Biedermeier einen Süchtigen gemacht hat: Der Blast, ein Rauschzustand, mit dem Farbe und Entgrenzung in das leere Leben des Zivilisierten Einzug hält. Er fungiert als Erfahrungsexplosion der Figur Mancini wie auch als stilistische Durchbrechung ins Surreale. Mancinis Entscheidung, ein Leben fern vom Menschen zu führen, sich der Natur und dem Taumel hinzugeben, hinterlässt den Geschmack des nihilistischen Gesellschaftsverweigerers. Diese Figur ist tröstlich, da sie für uns alle – in ästhetischer Stellvertretung – den Bruch mit einer Existenz in Verantwortung und Verbindlichkeiten vollführt. Wir benötigen diese Ersatzhandlung literarischer Charaktere, um unsere Unfähigkeit zum Widerstand bei gleichzeitiger Sehnsucht zu kompensieren. Und dennoch birgt sie inzwischen die Gefahr, als purer Identifikationswucher zu versanden. Was kann sie uns nach einer zweihundertjährigen Tradition noch bieten, außer beständigen Aktualisierungen, die in vielen Fällen fast zwangsläufig enttäuschen müssen? Wird der poète maudit nicht überhaupt ab einem bestimmten Alter weniger und weniger reizvoll?

Der Vorzug von Larcenets ruhigem und bedrohlichem Riesenbaby Mancini ist folglich der Entzug von Dandyismus und Coolness. Mancini ist weder ein großer Revolutionär noch ein kleines enfant du siècle, stattdessen gewährt er einen äußerst intimen Einblick ins übersättigte Ich. Gerade die kontrollierten Diskretionsverletzungen intensivieren die Nähe. Inmitten der Auseinandersetzungen mit Mancini werden zudem kleine, spannende Geschichten erzählt, etwa von einer pseudokommunistischen Aussteigersekte in den Tiefen des europäischen Märchenwaldes oder – im zweiten Band – diejenige vom lesesüchtigen Drogenhändler Jacky.

All dies ergibt ein großes Mosaik, dessen Bestandteile sich auf bewährte, aber nichtsdestoweniger faszinierende Traditionen des Erzählens berufen, sie organisch im voluminösen Körper der Hauptfigur bündeln, um dort ein pulsierendes Herz zu erschaffen, das magnetisch nach dem Blast sich sehnt. Auch in diesem Nebeneinander von visuellem Bedürfnis und narrativer Behutsamkeit zeigt Larcenet, wozu die immer noch innovationsgeladene Form des Comicromans fähig ist.

Leave a comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *