Im Zweifel für das Zaudern: Grimes’ Art Angels


Musikkritik

„Die neue Madonna.“ Das behauptet das Zeit-Magazin auf einem Cover, das die kanadische Musikerin Claire Boucher zeigt, die unter dem Namen Grimes im Herbst 2015 ein neues Album veröffentlich hat. Und die Spex verkündete in ihrer inzwischen üblichen postdiskursiven Musikjournalisten-Langeweile: „Grimes – Die neue Pop-Ikone“. Das ist natürlich alles ausgemachter Unsinn, auch wenn die Vorstellung von spießigen Madonna-Fans, die das Grimes-Album Art Angels anhören und sich wahrscheinlich fragen, in welchen Albtraum sie da geraten sind, eigentlich ganz lustig ist. Zwar wurde auch das letzte Album Visions von 2012 weithin gefeiert, überragte das damals irgendwie hippe, aber auch abseitige Genre Witch House, dem man es zuordnete, und erfuhr gerade in der Blogosphäre große Resonanz. Doch Art Angels ist nun sogar im popkritischen Deutschland im journalistischen Mainstream angekommen. Das Zeit-Magazin-Cover verdeutlicht dabei immerhin die zwei Pole, zwischen denen sich Claire Boucher mit Art Angels bewegt: DIY-Indie und Mainstream-Pop. Das sind auch die Bezugsgrößen: 90er-Jahre-Eurotrance, K-Pop, Marylin-Manson-Kitsch, Hip Hop, Dubstep, aber durch die Brille des frickelnden Musik-Nerds. Klingt nicht gerade nach Madonna.

Doch es gibt noch einen weiteren Grund, warum Madonna-Fans das Grimes-Album wahrscheinlich nicht mögen werden (wenn sie es denn überhaupt hören, denn im Formatradio wird auch die recht gefällige Single Flesh Without Blood wohl nicht laufen): Die Songs entziehen sich beharrlich Höhepunkten, sie zögern und zaudern, bevor sie sich zu einem überraschenden Ende entwickeln oder einfach aufhören. Es gibt keine Erlösung, sondern nur die nächste Skizze, die unfragmentarisches Fragment ist und gleichzeitig völlig überproduziert. Living in the Vivid Dream könnte eine perfekte Pop-Hymne sein, gesungen vielleicht von einem Pop-Monster wie Katy Perry, aber ist eben nur knappe eineinhalb Minuten lang. Genauso die halbe Klavierballade Easily, die am Anfang schon ziemlich nach Mainstream klingt und ein wenig an Mariah Carey erinnert. Im Refrain verliert sich Boucher jedoch in Hallorgien, um dann alles in Synthie-Geigen zu begraben. Und das nächste Lied, Pin, ist mit dem hochgepitchten Gute-Laune-Gesang samt netter Akustik-Gitarre eher wieder K-Pop.

Man könnte hier an FKA Twigs denken, die gerade ebenfalls im Feuilleton gefeiert wird. Im Fahrwasser von Experimenten, die Grimes schon vor Jahren begonnen hat, schreckt auch sie vor den Konsequenzen des Mainstreams zurück und zaudert. Doch diese Herangehensweise macht Art Angels erst interessant.

Der Berliner Germanist Joseph Vogl nähert sich in seiner Abhandlung Über das Zaudern einem „Zaudersystem“ an, das sich „durch gegenstrebige Kräfte, die einander motivieren und blockieren“ und „durch ein Bewegungs- bzw. Affektbild, das einen Moment der Unbestimmtheit zwischen Wahrnehmung und Aktion hervortreibt“ formiert. Das Zaudern, so Vogl, „lässt gegenstrebige Impulse immer von Neuem einander initiieren, entfesseln und hemmen zugleich“. Boucher zaudert bevor sie die Mechanismen einer Mainstream-Pop-Stücks vollständig umsetzt, ihre Lieder bleiben in der Unbestimmtheit stecken, gehen selten in einem erlösenden Refrain auf oder treiben auf einen genau definierten Höhepunkt zu. Auch die Entstehung des Albums scheint durch Zaudern gekennzeichnet. Boucher erzählt in Interviews von dem langen Entstehungsprozess der Platte, anscheinend gab es schon fast fertige Aufnahmen, die sie dann aber wieder verwarf.

Vogl setzt das Zaudern auch in Bezug zu Labyrinthen. Und zwar nicht zu klassischen Irrgärten, die ein Zentrum besitzen, sondern zu labyrinthischen Netzwerken, die eher einem Rhizom gleichen. Es existiert kein gerader Weg zu einer Entscheidung, sondern es entstehen immer wieder Abzweigungen, neue Wege, die nicht zielführend sind. Vielleicht könnte man im Bezug dazu die Songs auf Art Angels labyrinthisch nennen. Oft nehmen die Stücke eine ganz andere Richtung, als man vermutet, die Stimme wird grotesk verfremdet, eine seltsame Gitarrenmelodie oder ein unpassender Beat tauchen auf. Seltsamerweise tut dies der Catchiness der Songs nur selten Abbruch. Bouchers Zaudersystem zeichnet sich aus durch eine „energische Inaktivität“, wie Vogl das Zaudern paradoxal fasst.

Trotzdem bleibt Visions das bessere Grimes-Album, denn auf Art Angels fehlt die melancholische Grundierung. Es scheint fast, als wolle Boucher austesten, wie weit sie mit diesem System des Zauderns gehen kann – und wann die Songs umschlagen und doch zu Radiopop einer neuen Madonna werden.

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