Mängel des Alltäglichen. Über Karl Ove Knausgårds ersten Band der Min Kamp-Reihe


Literaturkritik

Karl Ove Knausgård ist angekommen. Viele seiner Äußerungen in der autobiographischen Romanserie Min Kamp drehen sich um das Ziel, Schriftsteller zu werden. Seit einigen Jahren kann er nun tatsächlich als internationale Sensation gelten, vielleicht gar als „wichtigster norwegischer Autor seiner Generation“, wie der Klappentext der deutschen Ausgabe mutmaßt. Doch wie hat er das geschafft? Eine kurze Antwort wäre: Er hat sich selbst ein überlebensgroßes Denkmal gebaut – ein Denkmal, das er nur verdient, weil er so gern in Stein gemeißelt werden möchte. Seine Schöpfung fällt mit der Krönung seiner Schöpfung zusammen. Eine solche Leistung wiederum muss erst einmal vollbracht werden. Balzac hat immer wieder über die magische Kraft des Wollens philosophiert. So manche seiner Figuren zeichnen sich dort durch Ehrgeiz und Disziplin aus, wo vielleicht auch Talent und Originalität geholfen hätten, nur unabkömmlich waren. Aber das macht ja nichts, denn was nützt einem schon die zündendste Idee, das trefflichste sprachliche Bild, wenn es nicht ins Leben tritt, wenn keine Veranlassung durch den eisernen Willen des kreativen Schöpfers stattfindet?

Nun kann sich Knausgårds monumentale Studie über das eigene Ich trotz sechs ausufernden Bänden und beinahe 4000 Seiten zwar immer noch nicht mit dem Umfang von Balzacs Endlosprojekt der Comédie Humaine messen. Den Vergleich um die Analyse exemplarischer Vertreter ihrer Zeit muss sie (und will sie) indes bestimmt nicht scheuen. Wo Balzac sich an einer Kartographie des frühen 19. Jahrhunderts versucht, in die Boudoirs der bürgerlichen Eliten eindringt und dort die Dynamiken einer Epoche anhand ihrer Geheimnisse entziffert, verletzt Knausgård vor allem eine singuläre Diskretionsgrenze: Die eigene. All die geheimen und gemeinen kleinen Überlegungen und Gedanken des Einzelnen, der im westeuropäischen Erfahrungsraum beruhigter 80er-, 90er- und 2000er-Jahre lebt – hier über alle Maßen vertreten durch die norwegische Idylle – kommen unverhohlen zur Sprache. Das heißt auch, all ihre Banalität, Langeweile und sprachliche Eindimensionalität gehören zum Programm. Und selbstverständlich kann eine solch intime Ich-Spiegelung nicht nur dieses Ich betreffen. Kollateralschäden aus dem Freundes-, Verwandten- und Bekanntenkreis sind so unvermeidbar wie faszinierend. Der Ich-Erzähler schreibt einmal vom peinlichen, fast pathologischen Drang zur Verschleierung des Ichs in der eigenen Familie: „In diesem Haus, in dem man stets darauf bedacht gewesen war, anderen Einblicke zu verwehren, immer sorgsam darauf geachtet hatte, in allem Sichtbaren untadelig zu sein, von der Kleidung bis zum Garten, von der Hausfassade bis zum Auto und dem Benehmen der Kinder, kam man damit, eine Flasche Schnaps ins Fenster zu stellen, in ein hell erleuchtetes Fenster, dem völlig Undenkbaren so nahe, wie es nur ging“. Es ist offensichtlich, dass dieser Erzähler auch sein eigenes Konstrukt hier beschreibt: Der Tabubruch, sich von all dem zu befreien, was sonst eine natürliche Abwehrverschleierung im sozialen Alltag bedeutet, die omnipräsente Notlüge zu verbieten, wird bis zum Maximum getrieben.

Bevor man nun die Frage nach der literarischen Tradition, in der sich Knausgård ansiedelt, voreilig vertieft (ist es doch Proust und nicht Balzac? der Bildungsroman? Werther? ,Genreliteratur‘?), sollte man eventuell kurz festhalten, dass seine Konzeption einen nicht ganz unwichtigen Konsens literarischer Produktion zu verlassen trachtet: Das Besondere, Ungewöhnliche, Ausgefallene. Schreibanlass bildet keine unerhörte Begebenheit, es ist nicht eine spezifische Krisenerfahrung, die das Erzählen über sich legitimiert, ja nicht einmal nennenswerte Kenntnisse oder Talente des obduzierten Subjekts liegen vor, um es relevant werden zu lassen. Dasselbe gilt für die strukturelle Ebene, die keine sprachlich ausgefallenen Passagen oder gar Experimente zulässt. Der mangelnde Wille, extraordinär zu gestalten, vollführt im Gegenteil eine Anbiederung an die ,Veralltagisierung‘ selbst von den Großereignissen in Knausgårds Leben.

Der erste Band bekommt in der deutschen Übersetzung sein Leitthema Sterben im Titel aufgezwungen. In Reminiszenz an die Theorie, dass der Tod in der Moderne aus dem öffentlichen Blickfeld verbannt wurde, geht es vor allem um die Rehabilitierung und Sichtbarkeit der Gewöhnlichkeit des Sterbens. Die Leiche des ungeliebten Vaters zu sehen, lässt den knapp dreißigjährigen Karl Ove nicht nur mit den Leerstellen im persönlichen Verhältnis gespenstig wiederbegegnen (wie üblich bei toten Vätern), sondern vielmehr noch die Ganzheit des Lebens im engsten Kontakt mit dem Ende, dem Ableben erfahren. Es ist insofern eine alte literarische Weisheit, dass sich die Beschreibung von Leben als poetische Aufgabe erst am Tod messen lässt, die auch Knausgård zu seinem Motor macht. Möglicherweise konsequenter als je zuvor, wird die Alltagsplauderei zu seinem Treibstoff.

Die daraus resultierenden sprachlichen Eingeständnisse sind freilich Geschmackssache. Ein Beispiel: Während der anstrengenden Aufräumarbeiten im verwahrlosten Haus des verstorbenen Vaters, telefoniert der pflichtbewusste Karl Ove mit seiner jungen Ehefrau. „Das ist ein Totenhaus“, lautet sein Lagebericht. „Wir laufen hier herum und waten in seinem Tod“. In diesem Behauptungsduktus klingen alle Figuren, alle Stimmen des Romans. Es wird fast ausschließlich verkündet, gesagt, getan. Eine solch rein deskriptive Gestaltungsentscheidung führt natürlich dazu, dass wir mit großen Worten wie „Totenhaus“ konfrontiert werden, ohne eine Verdichtung oder Bewertung zu erhalten, die das begriffliche Spektrum des Todes erneuert. Wer aber eine solche Leistung eigentlich zu den Funktionen von Literatur zählt, wird sich zweifelsohne bei der Lektüre Knausgårds ärgern, allein schon, weil die vorliegende Ausgabe beinahe kein anderes Verb der direkten Rede kennt, außer „sagte“. Sagte ich, sagte sie, sagte er – selbst wenn Fragen gestellt oder sich gestritten wurde.

Und dennoch: So häufig ich entnervt in diesen Text geblickt habe, oftmals nur, um noch ein paar, allenfalls fünf Seiten vor dem Einschlafen zu lesen, so häufig fand ich mich plötzlich zwei oder mehr Stunden später wieder, das Buch immer noch in der Hand. Vielleicht liegt es daran, dass Karl Ove gar nicht so uncool und schüchtern ist, wie er immer behauptet. Vielleicht gefällt mir die innerliche Grundstimmung und absolute Privatheit in der skandinavischen Winterlandschaft. Möglicherweise habe ich auch erkannt, dass Knausgård in Wahrheit ein anderer ist, nämlich ich. Maxim Biller hat kürzlich in der Neuauflage des Literarischen Quartetts festgestellt, dass die Min Kamp-Reihe natürlich nicht von Knausgård, sondern von uns allen handelt. Da ist mit Sicherheit was dran, und es ist durchaus interessant, wie viel man dadurch über das gegenwärtige Verhältnis von Individuum und Gesellschaft erfährt. Wo nämlich Balzac vor hundertachtzig Jahren für dieselbe Leistung sich vornahm, alle Vertreter und Typen einer Epoche zu lokalisieren und zu beschreiben, reicht im 21. Jahrhundert möglicherweise schon eine einzige Psyche. Auf der anderen Seite gestehe ich, dass ich nicht besonders viel Lust verspüre, die restlichen Bände zu lesen. Vielleicht ist das Leben, Sterben und Schreiben nur für sich selbst doch nicht immer kurzweilig genug.

Leave a comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *