Politik und Ideologie bei House of Cards


Serienkritik

Im Mittelpunkt der Netflix-Serie House of Cards steht der amerikanische Politiker Frank Underwood, der es im Laufe der bisher drei Staffeln bis zum Amt des Präsidenten schafft. Gespielt wird Underwood von Kevin Spacey, der für seine Darstellung weithin gelobt wird und bereits einen Golden Globe erhielt. House of Cards zeigt eine entideologisierte Politiklandschaft, die ausschließlich auf Machtfragen reduziert ist. Underwood geht buchstäblich über Leichen, um seine Ziele zu erreichen. Er ist zwar Mitglied der Demokratischen Partei und immer wieder in Auseinandersetzungen mit dem politischen Gegner, also den Republikanern, verwickelt, doch geht es bei diesen Kämpfen so gut wie nie um Sachdiskussionen oder politische Richtungsentscheidungen, sondern ausschließlich um simple Machtfragen.

Underwoods Agenda ist dann auch recht beliebig, als Präsident möchte er die Arbeitslosigkeit mit einem gigantischen staatlichen Arbeitsbeschaffungsprogramm bekämpfen und dafür soziale Sicherungssysteme lockern (wie es der neoliberale Imperativ in fast allen westlichen Staaten seit den achtziger Jahren vorschreibt). So genau wird das allerdings gar nicht thematisiert, Underwood geht es nur darum, sich als „Macher“ zu inszenieren und damit seine Wiederwahl als Präsident zu erreichen. Für seine machtpolitischen Ziele geht er Verbindungen und Seilschaften ein (etwa mit einem wichtigen Unternehmer, die Serie zeigt immerhin deutlich die Verquickung von Ökonomie und Politik), die ihm Vorteile versprechen, ohne auf ideologische Argumentationen Rücksicht zu nehmen. Politische Entscheidungen werden nur zum Machterhalt getroffen.

Die Machtfragen sind grundsätzlich mit dem Privatenleben Underwoods verbunden. Mit seiner Frau Claire (Robin Wright) hat er am Anfang seiner Karriere eine Art Abkommen geschlossen, den Weg zur Macht gemeinsam zu gehen – und die Erfolge zu teilen. Außer auf Claire nimmt er auf niemanden und nichts Rücksicht, andersherum ist es genauso. Natürlich führt das immer wieder zu Konflikten – und es ist ein Reiz der Serie, die seltsame Beziehung der beiden immer wieder auf die Probe zu stellen. Darüberhinaus gibt es eine Verbindung von Sexualität und Macht, die nicht besonders originell erscheint, aber die private Determiniertheit von politischen Entscheidungen unterstreicht.

House of Cards erzählt von der amerikanischen Politik ohne politisch zu sein. Das macht einerseits den Erfolg der Serie aus, sie ist eine Art Studie darüber, was Macht mit Menschen anstellt – und Menschen mit der Macht, andererseits ist dieser Mangel an wirklicher politischer Diskussion fragwürdig. Politik wird ausschließlich als persönliche Angelegenheit geschildert und ideologische, ökonomische und kulturelle Zusammenhänge bleiben weitgehend ausgeblendet. Doch sollte eine Serie, die in der Gegenwart spielt und die Politiklandschaft Washingtons zum Gegenstand hat, nicht wenigstens am Rande auch sachpolitische und ideologische Fragenstellungen der Zeit aufnehmen? Wahrscheinlich schon, aber den Serienmachern ging es wohl um etwas anderes.

Frank Underwood kommuniziert nämlich mit uns, dem Publikum. Manchmal spricht er direkt in die Kamera, erklärt uns, was ihn antreibt, manchmal schaut er auch nur kurz hin, zwinkert uns zu oder schüttelt genervt den Kopf. Dadurch entsteht Intimität und Distanzlosigkeit, was dazu führt, mit ihm mitzufiebern und ihm Erfolg bei seinen Machtspielen zu wünschen. Und ehe wir uns versehen, werden wir Zuschauer zu seinen Komplizen, wir begehen seine Morde quasi mit, sind Teilhaber seiner Taten. House of Cards führt die Anziehungskraft des Bösen vor, Underwood hat meistens unser Mitgefühl. Die Serie zeigt einmal mehr: Das Böse kann ganz schön attraktiv sein. Und wie bei Heiner Müllers berühmter Berliner Inszenierung von Brechts Der unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui funktioniert der Verfremdungseffekt nicht mehr – und man beobachtet die Schauspieler Martin Wuttke (als Arturo Ui bzw. Hitler) und Kevin Spacey (Underwood) genussvoll bei ihrem perfekten, unterhaltsamen Spiel und fiebert mit ihnen und ihren Rollen mit. Wir applaudieren – oder eben: Klicken bei Netflix auf die nächste Folge House of Cards. Und das ist dann wahrscheinlich doch wieder politisch.

Leave a comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *