Warum kein Papier? (2)


Sebastian Thede

Mein gar nicht so alter Drucker neigt zuweilen dazu, irrtümliche Fehlermeldungen auszugeben. Einer der häufigsten Alarme lautet: „Kein Papier“, obwohl noch sichtlich ein paar weiße Blätter im Einzugsschacht vorrätig sind.

Auf ganz ähnliche Weise heißt es auch hier „Kein Papier“, obwohl ja noch welches vorhanden wäre. Es ist zunächst nur eine Anzeige auf glasigen Bildschirmen, die nicht unbedingt bedeutsam ist und bestimmt auch keinen binären Wahrheitswert besitzt. Es geht schon gar nicht darum, eine große Institution massenhafter Speicherung und Erinnerung von Zeichen und Buchstaben zu verfemen oder in einen Zweikampf zu schicken. Bei Lichte betrachtet, erfüllt es eine der schönsten Funktionen des ex negativo, indem es nämlich daran erinnert, was beides ist, das Zuhandene und sein Gegenteil.

Ich bin schon zu jung, um in der Befürchtung einer Marginalisierung von Papier zugleich die Marginalisierung des auf ihm Gedruckten zu erkennen. Und doch bin ich noch zu alt, um Zeitung und Buch für ein Relikt in Schwarz-Weiß zu halten. Glücklicherweise stellt sich die Frage auch gar nicht: Derzeit kann man, egal welchen Alters und Wohnorts, durchaus eine friedliche Koexistenz von digital und analog betreiben, insbesondere die bevorzugte Lektürehaltung ist ja vielmehr dem eigenen Ermessen verpflichtet als irgendwelchen Feuilletons. Bedeutsamer erscheint sowieso das Verhältnis zum Gelesenen, die Eindringlichkeit und Sorgfalt, die von keinem Darstellungsgerät des Geschriebenen kompensiert werden kann, wohlgleich beides, Apparat und Zeichen, natürlich eng miteinander verbunden sind.

In Benjamins Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit kommt das Wort Papier nicht ein einziges Mal vor. Ich weiß das, weil ich in einem PDF dieses Essays einen Suchlauf durchgeführt habe. Was ich hingegen nicht mehr erinnere, ist, ob das Papier nicht doch in anderer Art und Weise relevant für Benjamins Argumentation ist, auch ohne genannt zu werden. Ich müsste den Text noch einmal lesen. Doch das Problem des Wiederlesens ist angesichts der Überforderung durch die vielen Texte, seien sie in vollen Bibliotheken oder auf archive.org aufbewahrt, bereits wohlbekannt. Eine oft zitierte Stelle aus der Vorrede in Nietzsches Morgenröthe spricht vielen Leser_innen aus der Seele: Wir befinden uns in einem „Zeitalter der ,Arbeit‘, will sagen: der Hast, der unanständigen und schwitzenden Eilfertigkeit, das mit Allem gleich ,fertig werden‘ will, auch mit jedem alten und neuen Buche: – sie selbst wird nicht so leicht irgend womit fertig, sie lehrt gut lesen, das heisst langsam, tief, rück- und vorsichtig, mit Hintergedanken, mit offen gelassenen Thüren, mit zarten Fingern und Augen lesen“. Vielleicht ist diese Stelle auch deswegen so wertvoll, weil sie uns daran erinnert, wie tief wir noch in die Probleme und Ideen der klassischen Moderne verstrickt sind.

Wie dem auch sei: Wer Kein Papier liest, wird eben nicht nur mit halbfertigen Anklängen von Nietzsche und Benjamin umspielt, sondern mit allem anderen auch. Die verschiedenen Beiträge mehrerer Autor_innen ergeben ein willkürliches Ganzes, das einerseits reprojiziert, womit man sich beschäftigen kann, ohne jemals vollständig sein zu müssen. Mit all den Leerstellen unter unseren Artikeln gibt es möglicherweise ein wenig Ruhe vor der ,Arbeit‘ zu finden, auch im Internet. Und wer nicht digital lesen mag, der drucke bitte aus. Man achte nur darauf, genügend Papier vorher einzulegen.

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