Daily Archives: February 4, 2016


Tragikomik von Räuber und Gendarm. Fargos zweite Staffel

Serienkritik

Deutsche Migranten: Dieses Thema eröffnet eine Perspektive, die derzeit – wenn auch in Umkehrung – nicht aktueller, kaum lehrreicher sein könnte. Während hierzulande die chauvinistische Angst vor etwaiger Kriminalität Geflüchteter ihrerseits beängstigende Dimensionen erreicht, erzählt uns die zweite Staffel der Serie Fargo das bis dato unterbelichtete Kapitel der mit deutschem Migrationshintergrund ausgestatteten organisierten Kriminalität in den USA. Angesiedelt gegen Ende der 1970er-Jahre umspannt der Plot eine Krise, in die sich die ehrenwerte Familie Gerhardt teils selbst manövriert hat, die zum anderen Teil aber auch das Ergebnis äußerer Umstände ist. Familienoberhaupt Otto, gewissermaßen der Bismarck seines kleindeutschen Schutzgeldterritoriums, erleidet einen Schlaganfall. In bester Tradition feudaler Erbfolgekonflikte konkurrieren die Söhne untereinander um die Entscheidungshoheit in der anstehenden Auseinandersetzung mit einem anderen Kartell, das diese momentane Kopflosigkeit der Gerhardts ausnutzen möchte. Mittendrin werden die Frauen der Familie zum Zünglein an der Waage. Insbesondere die Interimskanzlerin Floyd Gerhardt (Jean Smart), die resolute Mutter des Clans, nutzt die Gelegenheit, ihr strategisches Geschick unter Beweis zu stellen. Doch eine dabei ausgebrochene Zerrissenheit zwischen familiärer Bindung und emanzipatorischem Kalkül könnte kaum charakteristischer sein für den eigenen Anachronismus, an dem die Gerhardts zugrunde gehen. Ihr Abstieg nämlich, so eine der vielen möglichen Erkenntnisse der Geschichte, entspringt dem mangelnden Gespür für die Zeichen der Zeit, dem Beharren auf einem archaisch geprägten operativen Geschäft, das inmitten des beginnenden Spätkapitalismus einfach nicht mehr wettbewerbsfähig ist.

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