Daily Archives: December 4, 2015


Warum kein Papier? (2)

Sebastian Thede

Mein gar nicht so alter Drucker neigt zuweilen dazu, irrtümliche Fehlermeldungen auszugeben. Einer der häufigsten Alarme lautet: „Kein Papier“, obwohl noch sichtlich ein paar weiße Blätter im Einzugsschacht vorrätig sind.

Auf ganz ähnliche Weise heißt es auch hier „Kein Papier“, obwohl ja noch welches vorhanden wäre. Es ist zunächst nur eine Anzeige auf glasigen Bildschirmen, die nicht unbedingt bedeutsam ist und bestimmt auch keinen binären Wahrheitswert besitzt. Es geht schon gar nicht darum, eine große Institution massenhafter Speicherung und Erinnerung von Zeichen und Buchstaben zu verfemen oder in einen Zweikampf zu schicken. Bei Lichte betrachtet, erfüllt es eine der schönsten Funktionen des ex negativo, indem es nämlich daran erinnert, was beides ist, das Zuhandene und sein Gegenteil.

(more…)


Warum kein Papier? (1)

Sebastian Lehmann

Manchmal mache ich etwas schrecklich Anachronistisches: Ich gehe in den Kiosk gegenüber und kaufe mir eine Süddeutsche Zeitung oder die ZEIT. Um mir dabei nicht ganz so alt vorzukommen, stelle ich meistens dazu noch eine Club Mate auf den Verkaufstresen. Ich habe immer gern Zeitung gelesen – und mit Zeitung meine ich nicht Google News. Sondern raschelndes, dünnes Papier zum Falten und Anfassen. Mir ist vollkommen klar, dass das Hipster-Ideologie ist. Mich erinnert Zeitunglesen an meine Kindheit, an die Stirn meines Vaters am Frühstückstisch – das einzige, was ich von ihm sehen konnte, da er sich morgens grundsätzlich hinter den ausgefalteten Seiten der lokalen Zeitung versteckte. Später diskutierten wir darüber, wer zuerst den Politikteil lesen durfte. Mein Vater gewann natürlich immer. Zeitungen bedeuten für mich Geruch von Kaffee, zerlaufende Butter auf Toastbrot, aufmerksame Müdigkeit. Heute stehe ich selten so früh auf wie damals als die Schule um halb acht begann, aber ein Frühstück ohne Zeitung kommt mir immer noch seltsam unvollkommen vor.

(more…)


Ohrenbetäubene Apathie

Shoegaze am Ende der Geschichte

Ich kann mich nur schemenhaft an die politischen Umwälzungen Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre erinnern. Fernsehbilder flackern auf, von denen ich nicht weiß, ob ich sie wirklich damals gesehen habe oder erst viel später in einer der unzähligen Dokus über den Mauerfall. Immer saßen fröhliche Menschen auf der Berliner Mauer, Feuerwerk im Hintergrund, das breite Gesicht Helmut Kohls. Dass da etwas Wichtiges passierte, war mir auch als Achtjährigem bewusst, verstanden habe ich es natürlich nicht. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der ihr angeschlossenen Systeme machte sich in den westlichen Gesellschaften ein Optimismus breit, der bis zum 11. September 2001 währte. Neue wirtschaftliche Expansionsmöglichkeiten, demokratische Reformen in ehemals autoritären Staaten, die erste Hochphase der Digitalisierung und das Ende eines Krieges, der allerdings nur in Europa kalt geblieben war, kennzeichneten den medialen und gesellschaftlichen Diskurs. Für einen kurzen Augenblick der Geschichte schien sich, jedenfalls aus westlich geprägter Sicht, alles zum Guten zu wenden. Ein Narrativ, das schon damals politisch motiviert war, Konflikte und Kriege gab es natürlich weiterhin, beispielsweise den Irakkrieg 1991.

(more…)


Die Wüste des Hartgesottenen: Nic Pizzolattos Galveston

Literaturkritik

Als Anfang 2014 die HBO-Serie True Detective zur veritablen TV-Sensation der Saison avancierte, war der Erfolg unweigerlich mit den beiden herausragenden Hauptdarstellern Matthew McConaughey und Woody Harrelson verbunden. Doch in ähnlichem Maße wanderte die Aufmerksamkeit auch auf die beiden Verantwortlichen hinter der Kamera. Das fabulöse Duo aus Regisseur Cary Joji Fukunaga und Autor Nic Pizzolatto wurde zwar bereits zur weniger beliebten zweiten Staffel wieder geschieden, stellte zunächst aber eine weitere Evolutionsstufe in der neuen Kultur künstlerisch ambitionierter Autorenshows dar. Während der gerüchteweise schwierige, nichtsdestoweniger verdiente Fukunaga nunmehr den ersten von Netflix produzierten Streaming- und Kinofilm in Venedig und Toronto vorstellte, bleibt Pizzolatto als kreativer Kopf, Erfinder und durchgängiger Verfasser der Skripte seiner Erfolgsserie auf der Bühne der internationalen Fernsehlandschaft platziert. Angesichts einer solchen Sonderrolle jenseits der vielen Köche des Writers‘ Room und ästhetischem Kompromiss ist es auch nicht verwunderlich, dass ziemlich schnell eine neue Auflage von dessen bereits 2010 erschienenem Kriminalmelodram Galveston in die Druckereien wanderte, freilich über und über mit True Detective-Stickern versehen. Die Hinweise auf den Hit wirken in ihrer Aufdringlichkeit wie ein Lektüreimperativ: Lies so, als wäre dieses Buch so true wie True Detective.

(more…)


Miley Cyrus And Her Dead Petz

Musikkritik

„Man sollte nicht über Musik schreiben, indem man benennt, woran sie einen erinnert, sondern indem man danach schaut, was für Vorstellungen sie weckt, indem man in ihr die Formen von Musik aufspürt, die kommen werden“, schreibt Simon Reynolds im Nachwort seines viel diskutierten Buchs Retromania von 2011. Eine erstaunliche Aussage, denn Reynolds macht über vierhundert Seiten genau das, was er am Ende verdammt: Er benennt Referenzen. Und er ist wahnsinnig gut darin. Er spürt Gespenster vergangener Genres in so gut wie aller im Moment produzierter Musik auf, als Paradebeispiel dienen ihm Vampire Weekend, die freilich wie kaum eine andere Band offen mit ihrem Referenzenkatalog umgeht. Natürlich ist Popmusik-Kritik auf einen Ähnlichkeits- und Erinnerungskatalog angewiesen, um neue Musik zu beschreiben und einzuordnen. Reynolds Grunddiagnose scheint aber trotzdem nicht ganz falsch: Seit Rave zu Beginn der 90er Jahren ist nicht mehr viel Innovatives passiert im Land des Pop. Ausdifferenzierungen der Stile und Genres blieben natürlich nicht aus; und Leuchtturm-Künstler wie Björk produzieren weiter Ungehörtes. Doch solche Schockwirkungen wie sie einst etwa in den 60er Jahren jährlich produziert wurden, blieben aus. Wenn Neues geschaffen wird, dann bezieht sich das auf das Medium (mp3s, iPod etc.) und nicht auf die Musik als Kunstform. Vielleicht ist Reynolds These etwas überzogen, aber zumindest eine Tendenz zum Recycling im zeitgenössischen Pop kann man nicht bestreiten. Gründe dafür gibt es viele, Reynolds listet sie in seinem Buch fein säuberlich auf, aber am Ende läuft es meistens auf das Eine hinaus, wie immer schuld ist das Internet. Und wahrscheinlich stimmt das sogar.

(more…)