Gebiet


Die Verlorenen

Der Verlust von räumlichen und zeitlichen Bezugspunkten im Angesicht von Mobilität und Flexibilität wird zunehmend zum bestimmenden Paradigma der postindustriellen westlichen Welt. 

 

1 Am Flughafen

Jedes Mal, wenn ich am Gepäckband eines Flughafens stehe und auf meinen Koffer warte, spüre ich diese Spannung. Aus einer Öffnung kullern die Gepäckstücke und begeben sich auf eine behäbige Runde. Geht dieses Mal wieder alles gut? Werde ich gleich meinen Koffer erspähen und endlich gelassen nach vorne treten und ihn vom Band hieven? Wer zu den Unglücklichen gehört, die schon einmal die unheimliche Ruhe erlebt haben, nachdem das letzte Gepäckstück seine Runde gedreht hat und mit einem Ruck das Band zum Stehen kommt, wird diese Minuten nach dem Flug sicher ähnlich unruhig verbringen wie ein Reisender mit Flugangst die Stunden zuvor.

Vor etlichen Jahren, auf einem Flug nach Budapest, passierte es auch mir. Natürlich kannte ich die Legenden, die von den unvorstellbaren Mengen Gepäck handelten, das täglich auf Flügen verloren ging. Trotzdem schien es die Regel zu sein, dass spätestens nach ein paar Tagen die Koffer auf verschlungenen Wegen wieder zu einem gelangen. Das war auch der Tenor der Auskünfte, die ich am Lost & Found-Schalter des Flughafens und von den Hotlines der Fluglinie erhielt. „Ihr Gepäck ist nicht verloren, sondern im Moment nur nicht da“, erinnere ich noch einen Satz einer Mitarbeiterin des Flughafens. Auch der Name „Lost & Found“ beruhigte mich ein wenig. Doch meine Reisetasche blieb verschwunden.

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Kehrt die Popliteratur zurück?

Die Gegenwart als Thema in der deutschsprachigen Literatur

Ein alter Bekannter steht mal wieder ganz oben auf den Bestseller-Listen: Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiographie Panikherz, die natürlich keine wirkliche Biographie ist, sondern eher ein Bekenntnisbuch, eine Selbsterkundung, eine Bestandsaufnahme Deutschlands der letzten zwanzig Jahre, ein Ich-Roman anhand der Helden des Pop. Oder so. In den ausgehenden 90er Jahren war Stuckrad-Barre zusammen mit Christian Kracht der bekannteste Vertreter einer Literaturgattung (dass es sich überhaupt um Literatur handelte, bestritten manche allerdings), die Popliteratur genannt wurde. Natürlich gab es das auch schon vorher – allerdings nicht ganz so sexy, nervig und kommerziell erfolgreich wie Stuckrad-Barres erster Roman Soloalbum, der natürlich ebenfalls kein echter Roman war, sondern: siehe oben. Rainald Goetz hatte sich schon über zehn Jahre zuvor seine Stirn beim Bachmannpreis aufgeritzt, Joachim Lottmann schon Mitte der 80er Jahre von der Bohème in West-Berlin und Köln erzählt, Rolf-Dieter Brinkmann sogar schon in den 60ern popliterarische Verfahren aus der amerikanischen Literatur antizipiert. Nicht zu vergessen die Großen der englischsprachigen Literatur. Bret Easton Ellis, ohne dessen Roman Less Than Zero sicher kein Faserland hätte entstehen können – und später und weniger ambitioniert, Nick Hornby, der mit High Fidelity im Prinzip die Blaupause für Soloalbum geliefert hat.

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Wer ist Nadja Petöfskyi? 1

Erfahrungen einer Suche nach verschollenem Leben

In seiner Freizeit hat Ludwig Wittgenstein angeblich mit großer Freude Kriminalheftchen verschlungen, kleine Pulp-Geschichten mit aberwitzigen Handlungsverläufen und handgreiflichem Ergebnis. Unabhängig davon, dass der Ruf von Kriminalliteratur unter E-Kultur-Anhängern noch immer schlechter ist als ihr eigentlicher Gehalt, macht dieses Faktum den großen Philosophieerneuerer Wittgenstein eher sympathisch, scheint es doch das Menschliche wie auch Abseitige in der von intellektueller Tätigkeit geprägten Biographie zu unterstreichen. So gibt es noch viele weitere bekannte und unbekannte Anekdoten aus Wittgensteins Leben zu berichten, die gerade deswegen erwähnenswert sind, weil sie ein abwechslungsreiches Gegengewicht zu jener reinen Logik bilden, mit deren sprachlicher Rekonstruktion der Autor des Tractatus logico-philosophicus bis heute verbunden wird. Ein derartiges Gegenüber von Privatem und Intellekt könnte kaum deutlicher zum Zuge kommen als in der tabellarischen Spiegelung logischer Überlegungen und in Geheimschrift verfassten persönlichen, Geheimen Tagebüchern, die parallel zueinander in den Gräben des Ersten Weltkrieges entstanden sind. Dieter Thomä, Vincent Kaufmann und Ulrich Schmid rekonstruieren in ihrer Essaysammlung Der Einfall des Lebens diesen Austausch zweier Sphären. Sie zeigen in ihrem Aufsatz zu Wittgenstein auszugsweise, wie aufwühlend es sein kann, wenn eine Frage wie „Ist, a priori, eine Ordnung in der Welt, und wenn ja, worin besteht sie?“ neben dem Ausruf steht: „VIEL Aufregung! War nahe am WEINEN!!!! Fühle mich wie gebrochen und krank! Von Gemeinheit umgeben“. Das Nebeneinander, ja kontrastreiche Ineinander von beidem, Geist und Leben, wie es hier bei Wittgenstein visualisiert wird, öffnet das Portal eines eigenförmigen Nachdenkens über die Theoretiker in Zusammenhang mit ihrer Theorie. Wie sich nach Abschluss der Lektüre des Bandes herausstellt, kann sich gerade bei Überquerung dieser Schwelle etwas ereignen, das so aufwühlend wie die Theorie selbst zu wirken vermag, und zugleich wie aus dem Plot einer der Lieblingskrimis von Wittgenstein entnommen scheint.

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Nimm mich als Bett

Über deutschsprachige Popmusik, Schlaf und Dissidenz

1 Kafka

Wer schläft nicht gern? Und wer würde morgens nicht gern etwas länger liegenbleiben? Auch Künstler kommen manchmal schlecht aus dem Bett und manche von ihnen nutzen das sogar für ihre Kunst. Die Surrealisten ließen sich von diesem Schattenreich zwischen Wachen und Schlafen inspirieren und Franz Kafka begann zwei seiner bekanntesten Werke mit einem jähen Aufwachen: Im Proceß wird Josef K. direkt aus dem Bett heraus verhaftet, in der Verwandlung erwacht Gregor Samsa „eines Morgens aus unruhigen Träumen“, wie einer der berühmtesten ersten Sätze der Weltliteratur heißt, und „fand sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“. Samsa ist zu spät aufgewacht, wie er sofort feststellt, dabei verlangt sein Beruf als Handelsreisender jeden Morgen schon um vier Uhr aufzustehen. „Dieses frühzeitige Aufstehen macht einen ganz blödsinnig. Der Mensch muss seinen Schlaf haben.“

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Der Fall des Zufalls

Gedanken über das Erzählen und seine Kontingenz

Eine junge Frau betritt im Laufschritt das Casino. Sie trägt ein graues Tank Top und hat hellrotes Haar. Für Jetons im Wert von hundert Mark fehlen ihr noch achtzig Pfennig und in ihrem Aufzug dürfte sie eigentlich auch keinen Zutritt zum Etablissement erhalten. Doch die Sterne stehen günstig, sie wird durchgelassen, alle Welt dreht sich um nach der kuriosen Erscheinung. Der weiße Plastikchip liegt einsam in der Hand. Die junge Frau nähert sich einem Roulettetisch und wirft den Chip unverzüglich auf die Zwanzig. Es ist das letzte Geld, das mit geringster Wahrscheinlichkeit den sowieso an Statistik desinteressierten Zufällen überantwortet wird. Die Frage lautet: Wie ist eigentlich die Wahrscheinlichkeit zu beziffern, mit der hier gewonnen oder verloren werden kann, wo es sich doch offensichtlich um eine Geschichte handelt, die ich nacherzähle? Eine Geschichte, der ich just mit ihrer hiesigen sprachlichen Präsenz einen besonderen Wert zueigne und sie daher den Fügungen des Alltags entreiße?

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Ohrenbetäubene Apathie

Shoegaze am Ende der Geschichte

Ich kann mich nur schemenhaft an die politischen Umwälzungen Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre erinnern. Fernsehbilder flackern auf, von denen ich nicht weiß, ob ich sie wirklich damals gesehen habe oder erst viel später in einer der unzähligen Dokus über den Mauerfall. Immer saßen fröhliche Menschen auf der Berliner Mauer, Feuerwerk im Hintergrund, das breite Gesicht Helmut Kohls. Dass da etwas Wichtiges passierte, war mir auch als Achtjährigem bewusst, verstanden habe ich es natürlich nicht. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der ihr angeschlossenen Systeme machte sich in den westlichen Gesellschaften ein Optimismus breit, der bis zum 11. September 2001 währte. Neue wirtschaftliche Expansionsmöglichkeiten, demokratische Reformen in ehemals autoritären Staaten, die erste Hochphase der Digitalisierung und das Ende eines Krieges, der allerdings nur in Europa kalt geblieben war, kennzeichneten den medialen und gesellschaftlichen Diskurs. Für einen kurzen Augenblick der Geschichte schien sich, jedenfalls aus westlich geprägter Sicht, alles zum Guten zu wenden. Ein Narrativ, das schon damals politisch motiviert war, Konflikte und Kriege gab es natürlich weiterhin, beispielsweise den Irakkrieg 1991.

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