Nadine Feßler


„What else have you been hiding?” Celest Ngs Everything I never told you

Buchkritik

In Celeste Ngs Everything I never told you ist die Familie ein physikalisches Phänomen. Wie sie funktioniert, sich verändert und welche Dinge immer gleichbleiben, scheint auf physikalischen Gesetzen zu beruhen – schlichte Gegebenheiten, mit denen man sich anzufreunden hat.

Lydia, die älteste Tochter der amerikanisch-asiatischen Familie Lee, ist das „reluctant center“ innerhalb dieser Konstellation. Ihre Aufgabe ist es, die Welt ihrer Familie in Balance zu halten: „[…] she held the world together. She absorbed her parents‘ dreams, quieting the reluctance that bubbled up within.“ Der Vater wünscht sich, dass sie beliebt ist, weil er es – als Sohn von chinesischen Immigranten – nie sein konnte; die Mutter erhofft sich eine Karriere als Ärztin von ihrer Tochter, weil ihr es als Frau in den 1950ern und den 1960ern nicht gelang. Mit beiden Ansprüchen hat Lydia zu kämpfen. Sie ist nicht beliebt, spielt ihrem Vater jedoch Telefonanrufe von all ihren angeblichen Freundinnen vor; sie hat keine Leidenschaft für Naturwissenschaft, lernt aber dennoch intensiv, um ihre Mutter nicht zu enttäuschen. Von dem vorgespielten Leben ihrer Tochter wissen ihre Eltern nichts und werden es auch erst sehr spät erfahren.

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„Something would happen“ – Chimamanda Ngozi Adichies Purple Hibiscus

Buchkritik

Chimamanda Ngozi Adichie ist längst kein unbekannter Name mehr. Erst 38 Jahre alt hat sie schon drei preisgekrönte Romane und eine Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht und gilt zu Recht als die moderne weibliche Stimme Nigerias, die oft sogar im selben Atemzug mit Chinua Achebe genannt wird. So beginnt auch ihr Debütroman Purple Hibiscus (2004) mit einer Anspielung auf Achebes wohl bekanntesten Roman: „Things started to fall apart at home when my brother, Jaja, did not go to communion“. Der erste Satz gibt auch schon all das wieder, wovon der Roman handeln wird, denn er endet mit: „and Papa flung his heavy missal across the room and broke the figurines on the étagère“. Die Familie im Zentrum des Romans steht im Bannkreis eines streng religiösen Vaters, der andächtige Stille im Haus verlangt und seine Familie in jeder ihrer Tätigkeiten kontrolliert. Bei jedem Verstoß fügt er seinen zwei Kindern und seiner Frau Gewalt zu. Sinnbildlich wirft er also das Messbuch nach seinem Sohn. Sein obsessives Verlangen danach, ein strenger Christ zu sein, wird seine Familie im Laufe des Romans zerfressen und schließlich zu seinem eigenen Verfall führen.

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