Sebastian Thede


Ein Student der Literaturwissenschaft. Kress von Aljoscha Brell

Buchkritik

Er heiße Kress, das genügt ja eigentlich. Wie alle großen Denker der Weltgeschichte gibt es ihn auch ohne Vornamen. Im Mittelpunkt seines Lebens steht Goethe, und der macht sich schließlich ebenfalls vorzüglich ohne das überflüssige, umständliche Johann Wolfgang. Kress kann keine Computer bedienen, er pflegt klösterliche Distanz zu weltlichen Genüssen und steht mit seiner Aversion gegen alles, was nicht Geist ist, eher auf der passiven Beobachtertribüne des aufkochenden 2010er Berlin. Nun haben klassischerweise gerade die Exzentriker entscheidenden Anteil an der Attraktion, die die Hauptstadt auf viele Zugezogene ausübt. Doch wenn wir in literarischen Texten all den verqueren und eigenen, dadurch auch anziehenden Gestalten begegnen, geben sie nicht selten preis, dass das Exzentrische in Wahrheit eine recht melancholische Schicht geheimer Wünsche nach Normalität verkleidet. Während der ersten Hälfte von Aljoscha Brells Kress meint man, auch die Titelfigur könnte von seiner komfortablen Umlaufbahn aus plötzlich den Bildungspfad in die Mitte der Gesellschaft suchen – eine Gesinnung, die vom Wilhelm Meister bis ins heutige Kino und Bahnhofstaschenbuch einen roten Faden hinterlässt. Umso härter wird dann zugeschlagen. Was Kress so besonders macht, ist der konsequente, tückische Abgang in eine stockfinstere Persönlichkeit.

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The End of the Tour. Der besonnene Film über David Foster Wallace

Filmkritik

Die Anliegen der romantischen Künstlernovelle sind ja im Laufe der vergangenen Jahre zu einem gewissen Teil im oscarträchtigen Filmformat des Biopic aufgegangen. Verkommen, möchte man fast sagen, wenn man sich populäre Vertreter des Genres wie Ray oder Walk the Line näher anschaut, deren Struktur bis zur Verwechslung ähnlich das biedere Lied vom gebeutelten Genie aufspielt, ohne sich abseits von hagiographischer Überhöhung um die Frage nach der Kunstfertigkeit Einzelner zu kümmern. Da wirken ob ihrer Vereinzelung und geringen Strahlkraft selbst wichtige Ausnahmen, etwa der Bob Dylan-Impressionismus in I’m not There, kaum salbend.

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Schiffbruch des Theseus. S. von J.J. Abrams und Doug Dorst

Buchkritik

Wer die Bibliotheken dieser Welt frequentiert, bereits benutzte Bücher möglicherweise sogar etwas lieber mag als neue, kennt vielleicht den nagenden Drang, neben der eigentlichen Lektüre auch noch die Spuren früherer Leser zu decodieren. Man ärgert sich über befleckte oder eingerissene Seiten, amüsiert sich angesichts verquerer Bemerkungen in schwer zu entziffernder Handschrift, vergleicht aber nicht ungern die eingetragenen Markierungen – sofern sie nicht zu exzessiv dem Fließtext Konkurrenz bieten – mit den eigenen Einsichten und Beobachtungen. Ganz selten findet man vielleicht auf diese Weise eine mysteriöse Wahlverwandtschaft, einen charakteristischen Bleistiftstrich, der sich wiederholt an genau den Stellen in Szene setzt, die auch für einen selbst von Bedeutung sind. Wer steckt hinter diesen klugen Bemerkungen, mag man sich fragen, und lässt die Gedanken schweifen: Vielleicht ist es jemand, der sich noch ganz in der Nähe aufhält, ja möglicherweise gerade jetzt im selben Raum über einem anderen Band brütet. Vielleicht aber auch eine verwandte Seele von früher, aus längst versunkenen Zeiten, die das unbekannte Wesen inzwischen gezeichnet, es schon hinuntergerissen haben. Das Buch indes erinnert diesen Augenblick aus dem früheren Leben, so als wäre er noch gar nicht lange vergangen.

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Tragikomik von Räuber und Gendarm. Fargos zweite Staffel

Serienkritik

Deutsche Migranten: Dieses Thema eröffnet eine Perspektive, die derzeit – wenn auch in Umkehrung – nicht aktueller, kaum lehrreicher sein könnte. Während hierzulande die chauvinistische Angst vor etwaiger Kriminalität Geflüchteter ihrerseits beängstigende Dimensionen erreicht, erzählt uns die zweite Staffel der Serie Fargo das bis dato unterbelichtete Kapitel der mit deutschem Migrationshintergrund ausgestatteten organisierten Kriminalität in den USA. Angesiedelt gegen Ende der 1970er-Jahre umspannt der Plot eine Krise, in die sich die ehrenwerte Familie Gerhardt teils selbst manövriert hat, die zum anderen Teil aber auch das Ergebnis äußerer Umstände ist. Familienoberhaupt Otto, gewissermaßen der Bismarck seines kleindeutschen Schutzgeldterritoriums, erleidet einen Schlaganfall. In bester Tradition feudaler Erbfolgekonflikte konkurrieren die Söhne untereinander um die Entscheidungshoheit in der anstehenden Auseinandersetzung mit einem anderen Kartell, das diese momentane Kopflosigkeit der Gerhardts ausnutzen möchte. Mittendrin werden die Frauen der Familie zum Zünglein an der Waage. Insbesondere die Interimskanzlerin Floyd Gerhardt (Jean Smart), die resolute Mutter des Clans, nutzt die Gelegenheit, ihr strategisches Geschick unter Beweis zu stellen. Doch eine dabei ausgebrochene Zerrissenheit zwischen familiärer Bindung und emanzipatorischem Kalkül könnte kaum charakteristischer sein für den eigenen Anachronismus, an dem die Gerhardts zugrunde gehen. Ihr Abstieg nämlich, so eine der vielen möglichen Erkenntnisse der Geschichte, entspringt dem mangelnden Gespür für die Zeichen der Zeit, dem Beharren auf einem archaisch geprägten operativen Geschäft, das inmitten des beginnenden Spätkapitalismus einfach nicht mehr wettbewerbsfähig ist.

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Der Fall des Zufalls

Gedanken über das Erzählen und seine Kontingenz

Eine junge Frau betritt im Laufschritt das Casino. Sie trägt ein graues Tank Top und hat hellrotes Haar. Für Jetons im Wert von hundert Mark fehlen ihr noch achtzig Pfennig und in ihrem Aufzug dürfte sie eigentlich auch keinen Zutritt zum Etablissement erhalten. Doch die Sterne stehen günstig, sie wird durchgelassen, alle Welt dreht sich um nach der kuriosen Erscheinung. Der weiße Plastikchip liegt einsam in der Hand. Die junge Frau nähert sich einem Roulettetisch und wirft den Chip unverzüglich auf die Zwanzig. Es ist das letzte Geld, das mit geringster Wahrscheinlichkeit den sowieso an Statistik desinteressierten Zufällen überantwortet wird. Die Frage lautet: Wie ist eigentlich die Wahrscheinlichkeit zu beziffern, mit der hier gewonnen oder verloren werden kann, wo es sich doch offensichtlich um eine Geschichte handelt, die ich nacherzähle? Eine Geschichte, der ich just mit ihrer hiesigen sprachlichen Präsenz einen besonderen Wert zueigne und sie daher den Fügungen des Alltags entreiße?

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Die Stunde zwischen Frau und Gitarre. Nominalisierungsneurosen bei Clemens J. Setz

Literaturkritik

„Folgen Sie diesem Heißluftballon!“ Was mit einem solchen Satz beginnt, kann kein schlechter Text sein. In der Tat ist die Vielzahl an Elementen, die Clemens J. Setz in seinem umfangreichen Roman Die Stunde zwischen Frau und Gitarre miteinander kombiniert, außerordentlich. Allein dieses erste Bild der Verfolgungsjagd eines Ballons thematisiert einige später noch wichtige Auseinandersetzungen: Technik und Natur, der unerreichbare Fokuspunkt am Horizont, oder die luftigen Aggregatzustände Wind gegen Heißluft, mit denen eine voranschreitende Dissoziation des Materiellen angesprochen wird. Wem das zu abstrakt und allgemein, vielleicht auch zu groß und global ist, hat einen Punkt: Nichts weniger als eine umfassende Reflektion auf Unverfügbarkeiten mittels des seinerseits flüchtigen Instruments hochgradig artifiziellen Sprechens bildet den Sauerstoff, mit dem dieser Roman künstlich beatmet wird.

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Der runde Mensch. Manu Larcenets Blast

Literaturkritik

Mit Manu Larcenets vierbändigem Comicroman Blast bestätigt sich einmal mehr der hohe Rang belgofranzösischer Serien und Graphic Novels. Marc-Antoine Mathieus Drei Sekunden. Ein Zoom-Spiel oder die Reihe Unter dem Hakenkreuz von Philippe Richelle und Jean-Michel Beuriot sind nur zwei willkürliche Beispiele des vergangenen Jahrzehnts, die diese herausragende Qualität in die Ära nach Tintin und Asterix importiert haben. An ihnen erweist sich eine außerordentliche stilistische und thematische Breite, in der Avantgarde und Experiment genauso viel zählen wie psychologisch fesselnde und historisch lehrreiche Erzählungen. Auf diesem fruchtbaren Boden offener Vielfalt säht und gedeiht auch Blast. Larcenet widmet sich darin einer meditativen Charakterstudie, die den ungewöhnlich geformten Polza Mancini in den Mittelpunkt stellt. Mehr noch: Mancini bildet mit seinen exorbitanten, buddha-artigen Proportionen ein Gravitationszentrum, das dem eckigen Bildbereich der einzelnen Panels mit kurvigem Schwung Paroli zu bieten weiß. Das Verhältnis zur runden Form, zum Kreis und zur Ellipse, beginnt sich bei Lektüre auch rein visuell zu drehen, und untermauert den Malstrom des Hauptcharakters. (more…)


Mängel des Alltäglichen. Über Karl Ove Knausgårds ersten Band der Min Kamp-Reihe

Literaturkritik

Karl Ove Knausgård ist angekommen. Viele seiner Äußerungen in der autobiographischen Romanserie Min Kamp drehen sich um das Ziel, Schriftsteller zu werden. Seit einigen Jahren kann er nun tatsächlich als internationale Sensation gelten, vielleicht gar als „wichtigster norwegischer Autor seiner Generation“, wie der Klappentext der deutschen Ausgabe mutmaßt. Doch wie hat er das geschafft? Eine kurze Antwort wäre: Er hat sich selbst ein überlebensgroßes Denkmal gebaut – ein Denkmal, das er nur verdient, weil er so gern in Stein gemeißelt werden möchte. Seine Schöpfung fällt mit der Krönung seiner Schöpfung zusammen. Eine solche Leistung wiederum muss erst einmal vollbracht werden. Balzac hat immer wieder über die magische Kraft des Wollens philosophiert. So manche seiner Figuren zeichnen sich dort durch Ehrgeiz und Disziplin aus, wo vielleicht auch Talent und Originalität geholfen hätten, nur unabkömmlich waren. Aber das macht ja nichts, denn was nützt einem schon die zündendste Idee, das trefflichste sprachliche Bild, wenn es nicht ins Leben tritt, wenn keine Veranlassung durch den eisernen Willen des kreativen Schöpfers stattfindet?

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Warum kein Papier? (2)

Sebastian Thede

Mein gar nicht so alter Drucker neigt zuweilen dazu, irrtümliche Fehlermeldungen auszugeben. Einer der häufigsten Alarme lautet: „Kein Papier“, obwohl noch sichtlich ein paar weiße Blätter im Einzugsschacht vorrätig sind.

Auf ganz ähnliche Weise heißt es auch hier „Kein Papier“, obwohl ja noch welches vorhanden wäre. Es ist zunächst nur eine Anzeige auf glasigen Bildschirmen, die nicht unbedingt bedeutsam ist und bestimmt auch keinen binären Wahrheitswert besitzt. Es geht schon gar nicht darum, eine große Institution massenhafter Speicherung und Erinnerung von Zeichen und Buchstaben zu verfemen oder in einen Zweikampf zu schicken. Bei Lichte betrachtet, erfüllt es eine der schönsten Funktionen des ex negativo, indem es nämlich daran erinnert, was beides ist, das Zuhandene und sein Gegenteil.

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Die Wüste des Hartgesottenen: Nic Pizzolattos Galveston

Literaturkritik

Als Anfang 2014 die HBO-Serie True Detective zur veritablen TV-Sensation der Saison avancierte, war der Erfolg unweigerlich mit den beiden herausragenden Hauptdarstellern Matthew McConaughey und Woody Harrelson verbunden. Doch in ähnlichem Maße wanderte die Aufmerksamkeit auch auf die beiden Verantwortlichen hinter der Kamera. Das fabulöse Duo aus Regisseur Cary Joji Fukunaga und Autor Nic Pizzolatto wurde zwar bereits zur weniger beliebten zweiten Staffel wieder geschieden, stellte zunächst aber eine weitere Evolutionsstufe in der neuen Kultur künstlerisch ambitionierter Autorenshows dar. Während der gerüchteweise schwierige, nichtsdestoweniger verdiente Fukunaga nunmehr den ersten von Netflix produzierten Streaming- und Kinofilm in Venedig und Toronto vorstellte, bleibt Pizzolatto als kreativer Kopf, Erfinder und durchgängiger Verfasser der Skripte seiner Erfolgsserie auf der Bühne der internationalen Fernsehlandschaft platziert. Angesichts einer solchen Sonderrolle jenseits der vielen Köche des Writers‘ Room und ästhetischem Kompromiss ist es auch nicht verwunderlich, dass ziemlich schnell eine neue Auflage von dessen bereits 2010 erschienenem Kriminalmelodram Galveston in die Druckereien wanderte, freilich über und über mit True Detective-Stickern versehen. Die Hinweise auf den Hit wirken in ihrer Aufdringlichkeit wie ein Lektüreimperativ: Lies so, als wäre dieses Buch so true wie True Detective.

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