Sebastian Thede


Was ist das, der Mensch? Ein Blick auf Blade Runner 2049

Rezension

In den vergangenen zehn Jahren hat Harrison Ford all seine großen Rollen aus den Siebziger- und Achtzigerjahren wieder aufgenommen, mit unterschiedlichem Ergebnis. Sein kleines Boyhood-Experiment ist nach Indiana Jones und Han Solo nun mit der Reprise des Rick Deckard im Blade Runner-Sequel komplett. Ford zeigt auch darin, dass er seine markanteste schauspielerische Technik nicht verlernt hat, nämlich mit verkniffenem Gesicht zwei Kontrahenten zugleich mit den Fäusten zu traktieren. Insgesamt dürfte Blade Runner 2049 aber mit Leichtigkeit seine beste Leistung als Rentier im besten Film seines Alterswerkes darstellen.

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Black Mirror und Daniel Kehlmanns Du hättest gehen sollen

Fernsehkritik

Die Dystopie hat einen bemerkenswerten Punkt in der eigenen Gattungsgeschichte erreicht: Sie mag deswegen derzeit so lebendig sein, weil wir sie in unserer Erfahrung, unserem Alltag längst selbst erreicht zu haben meinen. Aus genau diesem Grund müsste sie als Genre aber eigentlich auch überflüssig werden, sich selbst abschaffen. Was nützt es, eine von Screens, Social Media, Big Data oder Totalitarismus und Konsum zerfressene Welt als Zukunftsprojektion anzuschauen, wenn sie doch weniger als Hochrechnung denn als verdichtete Verzerrung des Gegenwärtigen gelten kann?

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„Bob Dylan“

Extrablatt Kein Papier

Ein erster Witz zur Entscheidung vom Donnerstag, Bob Dylan mit dem Literaturnobelpreis auszuzeichnen, handelte davon, dass ja vielmehr der Preis mit Bob Dylan ausgezeichnet würde. Das Körnchen Wahrheit besteht hier in dem Schauer vor der Kreatur, die „Zimmermann“ vor bereits viel zu vielen Jahrzehnten erschaffen hat. Ihre Beständigkeit und ihre Geste permanenter Revolution in so vielen Bereichen ist anziehend und abstoßend zugleich. Diejenigen, die ihren Glanz nicht fassen können, wundern sich über die pure Möglichkeit eines Lebens, wie es Dylan geführt hat. Und diejenigen, die wie Ionen von diesem Glanz angezogen werden, empfinden ihn mindestens genauso unheimlich wie die anderen, nur dass sie es in andere Konsequenzen für sich übersetzen. Wie auch immer man reagiert, das Kuriosum dieses unmöglichen Lebens wurde möglicherweise auch vom Komitee bedacht und mitgespielt. Die verschobene Verkündigung – eine Woche nach den anderen Nobelpreisen – reagierte prophylaktisch auf die Besonderheit dieses Ereignisses.

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Songs: Von Paul Simon und Bob Dylan über Judee Sill bis Whitney

Musiknotizen

Paul Simon hat just ein neues Album veröffentlicht. Man spürt abermals, dass dem musikalischen Leiter des On and Off-Duos Simon and Garfunkel eines nicht zu attestieren ist: Ambitionslos geblieben zu sein. Mit akribischer Neugierde verfolgt er den einmal eingeschlagenen Weg auf der Suche nach den Variablen und Herangehensweisen ans kosmopolitische, nahezu universelle Liedermachen konsequent weiter, manchmal vielleicht zu verkopft. Angefangen hat es mit seinem Londoner Songbook, das kurz nach der ersten kommerziellen Veröffentlichung mit dem hassgeliebten Partner Art im britischen Sabbatical entstand und bereits einige der späteren Hits enthielt. Ende der sechziger Jahre gesellten sich die bekannten Pophymnen hinzu, deren Kern er anschließend auf Solopfaden in einem kontinuierlichen kreativen Hoch gedeihen ließ, als er massiv mit Instrumentierung, Produktion, Einflüssen, aber auch den typischerweise hauchdünn abseitigen Akkordlegierungen herumprobierte.

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Jonathan Littell erzählt eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu

Buchkritik

Vor ziemlich genau zehn Jahren veröffentlichte der französisch-amerikanische Journalist Jonathan Littell ein Buch namens Les Bienveillantes. Der Titel entspricht dem französischen Namen des dritten Teils von Aischylos’ Orestie, den Eumeniden. In Deutschland erschien der Text unter der dahingehend gängigen Übersetzung Die Wohlgesinnten. Littell gelang es darin, in Umfang und enzyklopädischer Tragweite der großen Romane des 19. Jahrhunderts eine Autobiographie von Täterschaft durch die Perspektive eines SS-Offiziers während des Zweiten Weltkriegs auszubreiten. Wie in der antiken Referenz stellt die Konfrontation von mythischer Imagination mit dem Pragmatismus eines allzu menschlichen Bürokratie- und Rechtsapparates eine durchgehende Verhandlungslinie des Buches dar, das sich mit seinem kontroversen Thema schließlich selbst vor dem Areopag der Literaturkritik wiederfand.

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Dieses ozeanische Gefühl. Jeff Lemires Underwater Welder

Buchkritik

Auf den ersten Seiten gibt es das programmatische Setup. In vier Panels, direkt untereinander, wird uns zunächst ein Leuchtturm im Gewitter gezeigt, darunter ein bärtiges Gesicht im Profil mit einer frischen Zigarette im Mund. Noch einen Schritt tiefer blickt man in die Augen des Gesichts, zurückgeworfen vom Spiegel der Frontscheibe eines Autos. Schließlich sieht man eine Hand am Radio, auf der Suche nach Musik. Danach bietet eine ganze Seite Platz für das Panorama (man muss vorher umblättern): Leuchtturm, Bootstege, Hafenhäuser an der Hafenpromenade und ein dazugehöriger Strandabschnitt, von den wilden Wellen umspielt, in die ein stürmischer Regen hinabfällt. Am Rand der Wagen mit dem Mann mit der Zigarette, mit dem Gesicht, mit der Hand am Radio. Daraufhin wieder drei Seiten mit jeweils vier Ausschnitten. Wir sehen, wie das Radio ausgeschaltet wird, die Kippe sich dem Ende neigt, später weicht sie in der Profilansicht einem Bier. Kein Zweifel, dass das nasse Element in all seinen Formen vom Neopren der inzwischen gezeigten Taucherausrüstung abgewehrt wird: Von oben das Wetter, von der Seite die See, doch von außen nach innen der Alkohol, der ein Begehren darstellt, welches durch die Rüstung des Tauchers abgeschirmt ist. Die Taucherflossen sind bald angelegt, die Brille aufgesetzt. Dahinter sehen wir noch einmal das Gesicht, es lässt neben den turbulenten Pupillen aus Bleistiftringen allenfalls noch ein paar Tropfen auf der Haut erkennen, unsicher darüber, ob sie nun Regen, Schweiß oder Tränen darstellen. Auf der nächsten Seite endlich watet die Gestalt in vier Schritten hinab in die See. Wir zoomen heran, näher, näher, nah, bis nur noch der Strudel zu erkennen ist, über dem eben noch ein Mensch, dann nur sein Kopf zu sehen war. Das Wasser als feindseliges Habitat und Sehnsuchtsort zugleich – halb zieht es ihn, halb sinkt er hin.

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Pierre Menard mit Borges und Cervantes im Austausch 2

Notiz

Vor Kurzem wurde an vielen Stellen auf verschiedene Weise der vierhundertste Todestag von Miguel de Cervantes und William Shakespeare begangen. Beider Autoren Sterben fällt veralteten Lexika zufolge nominell auf dasselbe kalendarische Datum, fand aber doch nicht am selben Tag statt, die Verzögerung der Übernahme des Gregorianischen Kalenders in England ist schuld. Ein solches Vexierspiel von Zeit und Zeichen hätte nicht schlecht in die pikareske Moderne, Postmoderne, wahlweise auch Postpostmoderne gepasst, die Cervantes in seinem farbenfrohen Don Quijote zum Leben erweckte. Wenn ich nun mit etwas Verzögerung auf dieses Ereignis und seine Umstände zu sprechen komme, dann auch mit einem zugleich leicht verfrühten Blick auf einen der vielleicht aspirativsten Cervantes-Exegeten. (Anerkannter Cervantes-Deuter zu sein, gehört übrigens ja eigentlich zum quijotischen Ritterschlag unter Literaturwissenschaftlern, Literaturkritikern und Dichtern gleichermaßen.) Die Rede ist von Pierre Menard, dieser dem berühmten Hidalgo ebenbürtigen Figur aus den verschlungenen Pfaden der Ficciones von Jorge Luis Borges, der wiederum am 14. Juni 1986 gestorben ist. Das dreißigste Jahr seines Todes nähert sich also rapide dem Ende und wird mit Sicherheit ebenfalls seine Erwähnungen finden. Die Zeit des Dazwischen – Cervantes ist schon ein paar Wochen vierhundert Jahre perdu und Borges wartet noch auf die Erinnerungsfeier – sei hier genutzt, um kurz des gelenkigen Dialogs zu gedenken, den Borges mit dem großen spanischen Schriftsteller in seiner Erzählung Pierre Menard, Autor des Quijote unterhält.

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Vergiftete Stachel der postindustriellen Gemeinschaft: Sphex von Bruce Bégout

Buchkritik

Bei E.T.A. Hoffmann heißen sie Fantasie– oder Nachtstücke, woanders später Scary Stories oder Seltsame Geschichten, bei Roald Dahl waren es schließlich Tales of the Unexpected. Die beliebte US-Serie Twillight Zone presste in den späten fünfziger und sechziger Jahren das Genre wahlweise gemeiner oder unheimlicher, immer aber pointierter und anspannender Kurzerzählungen kurzweilig aus. Die Gegebenheiten des Kalten Krieges stellten dabei häufig den Rahmen der doppelbödigen Fantasien dar. Unvergessen etwa das kleine Stück TV-Geschichte Time Enough at Last, in dem ein notorisch lesesüchtiger Biedermann erst nach der atomaren Auslöschung der restlichen Menschheit die nötige Zeit und Ruhe findet, sein Leben gänzlich den glücklicherweise erhaltenen Schätzen einer öffentlichen Bibliothek zu widmen – nur um beim Sortieren der labenden Bücherstapel die dringend benötigte Lesebrille fallen und zu Bruch gehen zu lassen. Aus der Traum, im wahrsten Sinne des Wortes. Kürzlich setzte die britische Reihe Black Mirror mit angepassten Vorzeichen und hohem Produktionsaufwand diese Tradition des zynischen Eskapismus in die Untertunnelung der eigenen Erfahrungswelt auf formidable Art und Weise fort.

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Zeiten der Wirren. Romane von Gaito Gasdanow, Boris Sawinkow und Michail Ossorgin über Russland im frühen 20. Jahrhundert

Buchkritik

Nehmen wir beispielsweise den Roman mit Kokain von 1936. Vor knapp vier Jahren erschien M. Agejews Imagination über eine um die Revolutionszeit dekadent florierende Moskauer Jugend in neuer Übertragung auf Deutsch. Als typischem Vertreter dieser Phase kommt darin eine bestimmte Einstellung zwischen Nihilismus und Spiritualität, zwischen Rausch und meditativer Stimmung zum Ausdruck, stets mit Blick auf neuartige, moderne, verhängnisvolle Symbiosen aus Zerstörung und säkularem Messianismus. All das erhält vor dem Hintergrund der singulären und doch kontaktstarken russischen Geschichte und Kulturtradition mit dem Sozialcharakter des avantgardistischen Gymnasiasten seinen eigenen Geist, eine eigene Sprache. Die Zugänglichkeit des Romans von Agejew beweist: Dort, wo große Namen wie Bulgakow oder Nabokov regieren, wird auch von den im Westen weniger bekannten Autoren mitgehalten. Ganze Schatzkammern scheinen zu schlummern in den Schriftkatalogen jener, die noch unter den Romanows geboren und aufgewachsen sind und für die schließlich mit Lenin und Stalin eine Krise begann, die im Zuge ihrer biographischen Deterritorialisierung auch so manchen Bruch ins Schreiben einfließen ließ.

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Wer ist Nadja Petöfskyi? 1

Erfahrungen einer Suche nach verschollenem Leben

In seiner Freizeit hat Ludwig Wittgenstein angeblich mit großer Freude Kriminalheftchen verschlungen, kleine Pulp-Geschichten mit aberwitzigen Handlungsverläufen und handgreiflichem Ergebnis. Unabhängig davon, dass der Ruf von Kriminalliteratur unter E-Kultur-Anhängern noch immer schlechter ist als ihr eigentlicher Gehalt, macht dieses Faktum den großen Philosophieerneuerer Wittgenstein eher sympathisch, scheint es doch das Menschliche wie auch Abseitige in der von intellektueller Tätigkeit geprägten Biographie zu unterstreichen. So gibt es noch viele weitere bekannte und unbekannte Anekdoten aus Wittgensteins Leben zu berichten, die gerade deswegen erwähnenswert sind, weil sie ein abwechslungsreiches Gegengewicht zu jener reinen Logik bilden, mit deren sprachlicher Rekonstruktion der Autor des Tractatus logico-philosophicus bis heute verbunden wird. Ein derartiges Gegenüber von Privatem und Intellekt könnte kaum deutlicher zum Zuge kommen als in der tabellarischen Spiegelung logischer Überlegungen und in Geheimschrift verfassten persönlichen, Geheimen Tagebüchern, die parallel zueinander in den Gräben des Ersten Weltkrieges entstanden sind. Dieter Thomä, Vincent Kaufmann und Ulrich Schmid rekonstruieren in ihrer Essaysammlung Der Einfall des Lebens diesen Austausch zweier Sphären. Sie zeigen in ihrem Aufsatz zu Wittgenstein auszugsweise, wie aufwühlend es sein kann, wenn eine Frage wie „Ist, a priori, eine Ordnung in der Welt, und wenn ja, worin besteht sie?“ neben dem Ausruf steht: „VIEL Aufregung! War nahe am WEINEN!!!! Fühle mich wie gebrochen und krank! Von Gemeinheit umgeben“. Das Nebeneinander, ja kontrastreiche Ineinander von beidem, Geist und Leben, wie es hier bei Wittgenstein visualisiert wird, öffnet das Portal eines eigenförmigen Nachdenkens über die Theoretiker in Zusammenhang mit ihrer Theorie. Wie sich nach Abschluss der Lektüre des Bandes herausstellt, kann sich gerade bei Überquerung dieser Schwelle etwas ereignen, das so aufwühlend wie die Theorie selbst zu wirken vermag, und zugleich wie aus dem Plot einer der Lieblingskrimis von Wittgenstein entnommen scheint.

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