Sebastian Lehmann


Über A Hologram for the King

Filmkritik

Dann ist der Film plötzlich vorbei. Ich sitze im Kino und bin etwas überrascht. Rezensionen sollten ja nicht den Schluss eines Films spoilern, aber zu verraten, dass ein Film erstaunlich plötzlich zu Ende geht, wird den Genuss schon nicht schmälern. So geschieht es nämlich bei Tom Tykwers neuem Film A Hologram for the King, mit Tom Hanks in der Hauptrolle. Die Buchvorlage schrieb Dave Eggers, der mit seinem letzten Roman The Circle die Zukunftsvision schlechthin für das Internet in Zeiten von Big Data und allesumfassender digitaler Überwachung entworfen hat. Auch in A Hologram for the King geht es um große Themen der Gegenwart: Globalisierung und Islam. Zum Glück hat Tykwer Hanks für den Film gewinnen können, der mit seiner niedlichen Wurstigkeit noch die sperrigsten Zusammenhänge auf amerikanische Vorstadtgröße zusammenschrumpfen lassen kann. Der von Hanks gespielte Alan Clay besitzt die gleiche Fähigkeit: Er kann große Fragen gut simplifizieren, wie Clay selbst erzählt.

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Über Isolation Berlin und ehrliche Gitarrenmusik

Musikkritik

Wo ist die Ironie hin? Oder hat sie sich nur versteckt? Junge Männer singen wieder mit Inbrunst auf Deutsch von der Liebe, vom Verlassenwerden, von ihrer Familie. Gerade belegte die Band AnnenMayKantereit mit ihrem Debüt-Album Platz 1 der Albumcharts – für diese deutsche Variante des folkigen Pathos-Geschrubbel von Mumford & Sons gibt es anscheinend immer noch einen Markt. Dabei geht es erstaunlich ungebrochen männlich zu, die markante Stimme von Sänger Christopher Annen lässt Herbert Grönemeyer so alt aussehen wie er – nun ja – ist. Mit einem ähnlichen Konzept haben es 2015 auch Wanda ins Rampenlicht geschafft. Die Wiener Band wurde sogar von Rainald Goetz bei seiner Dankesrede für den Büchnerpreis zitiert: „Wenn jemand fragt, wofür du stehst, sag: für Amore.“ Im Song Bologna folgt auf diese Zeile ein eher fragwürdiges Poser-Gitarrensolo. Der Mann ist wieder Mann, denkt man, heterosexuell-weiß natürlich, schämt sich seiner Glatze nicht und zeigt stolz beim Konzert den freien, selbstverständlich behaarten Oberkörper. Natürlich ist das nicht ernst gemeint. Oder vielleicht doch?

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Über Jimmy Fallon

Fernsehkritik

Eigentlich war ich noch zu jung für das Late-Night-Fernsehformat, als die Harald-Schmidt-Show 1995 bei Sat 1 startete. Trotzdem bestach ich meine Eltern so oft es ging, doch wenigstens bis zur ersten Werbepause schauen zu dürfen. So richtig verstanden habe ich die ironische Grundhaltung der Show allerdings nicht. Fand Schmidt seine Gäste wirklich so toll, wie er ständig sagte, obwohl er sich offensichtlich gar nicht für sie interessierte? Und Polenwitze – war das nicht rassistisch? Oder machte er sich damit nicht viel eher über Alltagsrassismus lustig? Diese Uneindeutigkeit wirkte befreiend. Natürlich funktionierte die Harald-Schmidt-Show auch nur deshalb, weil es noch kein Youtube gab und niemand in Deutschland seine amerikanischen Vorbilder kannte, an erster Steller natürlich David Lettermans Late Show. Trotzdem wurde Schmidt vorgeworfen, nur eine schlechte Kopie zu sein. Vielleicht stimmte das sogar, aber wie Benjamin von Stuckrad-Barre, eine Zeitlang Gagschreiber bei Schmidt, in seinem neuen Buch Panikherz schreibt, Letterman hatte man noch nie gesehen, aber das war ohnehin egal, Schmidt fand man halt einfach gut und alle guckten es.

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Nimm mich als Bett

Über deutschsprachige Popmusik, Schlaf und Dissidenz

1 Kafka

Wer schläft nicht gern? Und wer würde morgens nicht gern etwas länger liegenbleiben? Auch Künstler kommen manchmal schlecht aus dem Bett und manche von ihnen nutzen das sogar für ihre Kunst. Die Surrealisten ließen sich von diesem Schattenreich zwischen Wachen und Schlafen inspirieren und Franz Kafka begann zwei seiner bekanntesten Werke mit einem jähen Aufwachen: Im Proceß wird Josef K. direkt aus dem Bett heraus verhaftet, in der Verwandlung erwacht Gregor Samsa „eines Morgens aus unruhigen Träumen“, wie einer der berühmtesten ersten Sätze der Weltliteratur heißt, und „fand sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt“. Samsa ist zu spät aufgewacht, wie er sofort feststellt, dabei verlangt sein Beruf als Handelsreisender jeden Morgen schon um vier Uhr aufzustehen. „Dieses frühzeitige Aufstehen macht einen ganz blödsinnig. Der Mensch muss seinen Schlaf haben.“

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Über Geniale Dilletanten in Hamburg

 Ausstellungskritik

Wenn ich in Hamburg bin, einen Nachmittag lang Zeit habe und schlechtes Wetter ist (das Wetter ist so gut wie immer schlecht, wenn ich Hamburg besuche), gehe ich gern ins Museum für Kunst und Gewerbe. Man kann wunderbar durch diesen riesigen Bau direkt am Hauptbahnhof flanieren, es gibt Jugendstilmöbel, islamische Kunst und eine sehr schöne Sammlung von Designgegenständen aus dem zwanzigsten Jahrhundert. Man kann sich sogar das nachgebaute Arbeitszimmer von Dieter Rams, dem ehemaligen Designer von Braun und großes Vorbild von Apple-Chefgestalter Jonathan Ive, anschauen, genauso wie die berühmte alte Kantine des SPIEGEL, ausgestattet von Verner Panton. Und es gibt immer wieder sehr interessante Sonderausstellungen, die manchmal erstaunlich wenig Besucher anziehen. Aber was gibt es Schöneres als eine leere Ausstellung, bei der man nicht vor jedem Exponat anstehen muss? So auch bei meinem letzten Hamburg-Besuch.

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Über A Tribe Called Knarf, Sleep und Mark Fisher

Musikkritik

Der Hamburger Musiker Knarf Rellöm gefällt das Verwirrspiel um seinen Namen. Er verwendet seinen eigentlich ziemlich normalen bürgerlichen Namen Frank Möller rückwärts und wandelt ihn Platte um Platte ab, mal heißt er Knarf Rellöm Trinity, mal Ladies Love Knarf Rellöm. Sein letztes Album Es ist die Wahrheit, obwohl es nie passierte, das im Herbst 2015 erschien, läuft nun unter A Tribe Called Knarf. Mit Anweisungen für die Einsortierung im Plattenladen treibt er dieses Spiel mit Zuschreibungen noch weiter: Sein wohl bekanntestes Album von 1997 (darauf der kleine Indie-Hit Autobiographie einer Heizung) trägt den Titel Bitte vor R.E.M. einordnen, die neue Platte fordert auf: „Please file under ‚Kapitalistischer Realismus’“. Konnte man den R.E.M.-Titel noch als ironische Distanzierung von einer Indie-Band, die kommerziellen Major-Erfolg hatte, verstehen – und wie das Namens-Verwirrspiel, kapitalistische Verwertungsinteressen unterlief (man findet das Album im Plattenladen nicht da, wo man es vermutet) – scheint nun der Verweis auf den Begriff „Kapitalistischer Realismus“ eher eine Art Schlüssel zum Album zu sein.

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Pop und doch kein Pop – David Bowies Blackstar

Albumkritik

Etwa in der Mitte des zehnminütigen Ungetüms von Lied, das David Bowie kurz vor seinem Tod als erste Single aus seinem neuen, gleichnamigen Album Blackstar auskoppelte, entfaltet der alte Magier noch einmal seinen Zauber. Und es ist seine unvergleichliche Stimme, die uns plötzlich in die siebziger Jahre versetzt, in die Zeit von Ziggy und dem Thin White Duke. Dieser wehmütige Ton, der den zuckenden, düsteren ersten Teil des Lieds plötzlich durchbricht, ausgerechnet mit der Zeile: „Something happend on the day he died.“ Ja, David Bowie konnte hinreißende Pop-Melodien schreiben und sie umso hinreißender singen. Soll man diese unglaublichen Songs aufzählen? Changes, Life on Mars, Heroes, China Girl – die Liste könnte noch lange vorgesetzt werden.

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Anleitung zur Coolness: Fotografien von Anton Corbijn in der c/o Berlin

Ausstellungskritik

Meine erste Begegnung mit Anton Corbijn fand 2007 statt – und zwar in einem Kino. Ich sah mir den Film Control über den früh verstorbenen Joy Division-Sänger Ian Curtis an. Diese erste Kinoarbeit des holländischen Fotografen markiert einen seltsamen Punkt in dessen Karriere. Der Film unternimmt eine merkwürdige Verdopplung der inzwischen ikonischen Ästhetik von Joy Division, die Corbijn als Fotograf der berühmtesten Bilder der Band mitgestaltet hat. Die düstere Schwarz-Weiß-Ästhetik seiner Fotos übertrug den ebenso dunklen Sound der Band auf die visuelle Ebene. Corbijn verfilmte praktisch seine eigenen, historischen Fotografien. Natürlich gibt es noch andere wichtige Einflüsse auf die Ästhetik der Band, die Albumcover von Peter Saville einerseits, aber genauso die corporate identity des Manchester Factory Labels, auf dem die Platten der Band erschienen. Doch Joy Division waren so etwas wie der Anfangspunkt der internationalen Karriere Corbijns – und so sehr er ihre visuelle Ästhetik prägte, so prägte auch die Band den Fotografen Corbijn und seine künstlerische Arbeit. Noch immer zählen sie zu seinen berühmtesten Werken und die ebenfalls ikonischen Bilder von U2 und Depeche Mode schließen daran an.

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Eine Annährung: Jonathan Franzens Purity

Literaturkritik

Mit Jonathan Franzens Büchern konnte ich früher überhaupt nichts anfangen. So wenig, dass ich sie erst gar nicht gelesen habe. Ich bin tatsächlich erst vor fünf Jahren bei Freedom eingestiegen und nicht mit seinem Roman The Corrections, der ihn 2001 weltweit berühmt machte. Diesen Gestus zum großen Roman, zur allumfassenden Geschichte, die auch noch als Familienchronik daherkommt, vermeintlich konservativ erzählt, fand ich irgendwie abstoßend. Wie vermessen von diesem Amerikaner, wirklich anzunehmen, unsere postmoderne und postkapiatlistische Welt lasse sich noch mit einem traditionellen Roman beschreiben. Ein großer Irrtum. Meinerseits. Ich glaube, nur wenn man Franzens Bücher nicht liest, mag man sie nicht – wahrscheinlich sogar zu recht, denn sie strahlen eine Aura aus, die eigentlich gar nichts mit ihnen zu tun hat.

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Im Zweifel für das Zaudern: Grimes’ Art Angels

Musikkritik

„Die neue Madonna.“ Das behauptet das Zeit-Magazin auf einem Cover, das die kanadische Musikerin Claire Boucher zeigt, die unter dem Namen Grimes im Herbst 2015 ein neues Album veröffentlich hat. Und die Spex verkündete in ihrer inzwischen üblichen postdiskursiven Musikjournalisten-Langeweile: „Grimes – Die neue Pop-Ikone“. Das ist natürlich alles ausgemachter Unsinn, auch wenn die Vorstellung von spießigen Madonna-Fans, die das Grimes-Album Art Angels anhören und sich wahrscheinlich fragen, in welchen Albtraum sie da geraten sind, eigentlich ganz lustig ist. Zwar wurde auch das letzte Album Visions von 2012 weithin gefeiert, überragte das damals irgendwie hippe, aber auch abseitige Genre Witch House, dem man es zuordnete, und erfuhr gerade in der Blogosphäre große Resonanz. Doch Art Angels ist nun sogar im popkritischen Deutschland im journalistischen Mainstream angekommen. Das Zeit-Magazin-Cover verdeutlicht dabei immerhin die zwei Pole, zwischen denen sich Claire Boucher mit Art Angels bewegt: DIY-Indie und Mainstream-Pop. Das sind auch die Bezugsgrößen: 90er-Jahre-Eurotrance, K-Pop, Marylin-Manson-Kitsch, Hip Hop, Dubstep, aber durch die Brille des frickelnden Musik-Nerds. Klingt nicht gerade nach Madonna.

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