Sebastian Lehmann


Über Podcasts

Notiz

Wie so oft war ich zu spät dran, als ich vor etwa eineinhalb Jahren begann, regelmäßig Podcasts zu hören. Auch in Deutschland, wo dieses Hörformat noch ein kulturelles Nischendasein führt, gibt es inzwischen unzählige Podcasts: von eigenhändig aufgenommenen Talksendungen bis hin zu professionell produzierten, vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk finanzierten Features. Und natürlich stellen Radiosender ihre Sendungen oft zum Nachhören ins Internet. Analog zum Serientrend sind jedoch auch die amerikanischen Produktionen hierzulande weitverbreitet. So steht momentan etwa S-Town, ein neuer Ableger des berühmten Serial-Podcast aus Chicago, auf den vorderen Rängen der deutschen iTunes-Charts.

(more…)


Die Verlorenen

Der Verlust von räumlichen und zeitlichen Bezugspunkten im Angesicht von Mobilität und Flexibilität wird zunehmend zum bestimmenden Paradigma der postindustriellen westlichen Welt. 

 

1 Am Flughafen

Jedes Mal, wenn ich am Gepäckband eines Flughafens stehe und auf meinen Koffer warte, spüre ich diese Spannung. Aus einer Öffnung kullern die Gepäckstücke und begeben sich auf eine behäbige Runde. Geht dieses Mal wieder alles gut? Werde ich gleich meinen Koffer erspähen und endlich gelassen nach vorne treten und ihn vom Band hieven? Wer zu den Unglücklichen gehört, die schon einmal die unheimliche Ruhe erlebt haben, nachdem das letzte Gepäckstück seine Runde gedreht hat und mit einem Ruck das Band zum Stehen kommt, wird diese Minuten nach dem Flug sicher ähnlich unruhig verbringen wie ein Reisender mit Flugangst die Stunden zuvor.

Vor etlichen Jahren, auf einem Flug nach Budapest, passierte es auch mir. Natürlich kannte ich die Legenden, die von den unvorstellbaren Mengen Gepäck handelten, das täglich auf Flügen verloren ging. Trotzdem schien es die Regel zu sein, dass spätestens nach ein paar Tagen die Koffer auf verschlungenen Wegen wieder zu einem gelangen. Das war auch der Tenor der Auskünfte, die ich am Lost & Found-Schalter des Flughafens und von den Hotlines der Fluglinie erhielt. „Ihr Gepäck ist nicht verloren, sondern im Moment nur nicht da“, erinnere ich noch einen Satz einer Mitarbeiterin des Flughafens. Auch der Name „Lost & Found“ beruhigte mich ein wenig. Doch meine Reisetasche blieb verschwunden.

(more…)


Über Designated Survivor

Serienkritik

Wenn der amerikanische Präsident die Rede zur Lage der Nation, die State of the Union Address, im Kongress hält, und alle Regierungsvertreter und Parlamentarier anwesend sind, muss ein Minister dieser Veranstaltung fern bleiben. Dieser designated survivor soll etwa im Falle eines Anschlages, bei dem die gesamte Regierung zu Tode kommt, die Regierungsgeschäfte übernehmen und Präsident werden. Im Prinzip ist das mehr politische Folklore als Sicherheitsmaßnahme. Eine neue Serie des Senders ABC (in Deutschland auf Netflix zu sehen) nimmt dies nun als Ausgangspunkt: Ein monumentaler Anschlag tötet den amerikanischen Präsidenten, sein Kabinett und alle Mitglieder des Kongresses. Jedenfalls sieht es am Beginn der Serie so aus. Als designated survivor überlebt nur der Minister für Housing and Urban Development Tom Kirkman, gespielt von Kiefer Sutherland. Kirkman gehört keiner der beiden großen politischen Parteien an, er ist ein unabhängiger Fachmann, der zu allem Überfluss am Morgen des Anschlags von seiner bevorstehenden Entlassung erfahren hat.

(more…)


Über das neue Album Spaceland von Sin Fang

Musikkritik

Auf Sin Fang stieß ich eigentlich erst recht spät. Jedenfalls dachte ich das. 2013 sah ich eine Live-Performance, die der amerikanischen Radiosender KEXP übertrug und als Video und Podcast ins Internet stellte. Sin Fang stand hinter einem Tisch mit unzähligen Kabeln, Keyboards und Knöpfen und zusammen mit einem Musikkollegen erschuf er einen erstaunlich breiten und eingängigen Elektro-Sound über dem seine sanfte, oft zerbrechliche Stimme schwebte, die mir irgendwie bekannt vorkam. Ich fand heraus, dass Sin Fang unter seinem beeindruckenden bürgerlichen Namen Sindri Már Sigfússon bei der Folk-Band Seabear gesungen hatte. Inzwischen war er als Solokünstler unterwegs und hatte zu diesem Zeitpunkt schon drei Alben beim deutschen Label Morr Music veröffentlicht (das erste noch unter dem Namen Sin Fang Bous).

(more…)


Das Verschwinden des Verschwundenen: Christian Krachts neuer Roman Die Toten 1

Buchkritik

Eigentlich ist es verwunderlich, dass Christian Krachts Bücher heiß erwartete Bestseller geworden sind. Ein bekannter Schriftsteller ist Kracht zwar schon seit seinem Debüt Faserland von 1995, das ihn zum führenden Kopf einer nicht immer ernst genommen deutschsprachigen Popliteratur machte. Inzwischen wird Kracht aber auch in der Wissenschaft breit rezipiert und die Veröffentlichung eines neuen Romans ist ein literarisches Ereignis ersten Ranges, vom Feuilleton breit besprochen und gelobt.

Natürlich hat Krachts Erfolg auch mit seiner unterhaltsamen und auf vielen Ebenen gebrochenen Selbstinszenierung zu tun. Eine Episode aus einer Geschichte, die im Band New Wave veröffentlicht wurde, zeigt diese Inszenierung sehr schön: Der Kracht im Text trifft in Kairo den Schriftstellerkollegen Thomas Brussig und zwischen den beiden entspannt sich ein diffuser Dialog, der mit der indirekt wiedergegeben Feststellung Brussigs endet: „Das würde ja auch keiner von Ihnen erwarten, ein Christian Kracht, der nicht betrunken ist. Das gehöre ja sozusagen dazu, das Toxologische.“ Kracht darauf: „Oh Gott. Darauf ein Prozac genommen.“

(more…)


Die Welt von Heute

Notiz

Vor einigen Wochen lief der Film Vor der Morgenröte im Kino. Er beschreibt in wenigen Episoden die letzten Jahre des Schriftstellers Stefan Zweig, der sich als österreichischer Jude während des Dritten Reichs auf der Flucht befindet und sich in Südamerika und in New York aufhält. Es ist ein zarter Film, eine behutsame Annäherung an den entwurzelten Pazifisten Zweig, der vom österreichischen Komiker Josef Hader gespielt wird. Hader schafft es fast nur mit Blicken und wenigen Gesten, die Verzweiflung auszudrücken, die Zweig in diesen Jahren als Flüchtling fühlen musste. Vielleicht stimmt die Binsenweisheit tatsächlich und existenzielle Traurigkeit kann am besten von vermeintlichen Spaßmachern verkörpert werden.

(more…)


Über Judith Hermanns Erzählungen Lettipark

 Buckritik

Sogar, dass Judith Hermann schreiben kann, ist ja umstritten. Seit den Geschichten aus ihrem erfolgreichen Debüt Sommerhaus, später von 1998 gab es immer die Stimmen im Literaturbetrieb, die ihr absprachen, schreiben zu können. Schiefe Bilder, inhaltslose Sätze, Effekthascherei und natürlich Kitsch sei das, was Hermann da fabrizierte. Triviale Befindlichkeitsliteratur für verzogene Großstädter, die keine wirklichen Probleme haben – außer vielleicht, dass sie keine Probleme haben. Das ist natürlich Quatsch, einerseits. Andererseits ist es schade, dass ihre letzten beiden Bücher, der Roman Aller Liebe Anfang von 2014 und jetzt die im Frühjahr veröffentlichten Erzählungen Lettipark ihren nervigen und wahrscheinlich auch neidischen (immerhin ist Hermann eine weltweit erfolgreiche Literatin) Kritikern ein Stück weit recht geben.

(more…)


Über Tom McCarthys Satin Island, Deakin und Animal Collective

Buch- und Musikkritik

Manchmal fallen einem zufällig die seltsamsten Verbindungen, Verwandtschaften und Ähnlichkeiten auf. Eine Koinzidenz zwischen zwei oder mehreren eigentlich nicht in Verbindung stehenden Ereignissen oder Dingen. Vielleicht taucht diese Verknüpfung nur kurz auf, gewinnt plötzlich eine Bedeutung, die kurz darauf schon wieder verschüttet wird, wenn man sie nicht festhält und aufschreibt. Verwandtschaften zwischen scheinbar völlig getrennten Phänomenen spürt auch der Held in Tom McCartneys neuem Rom Satin Island nach. Er wird U. genannt und ist als Anthropologe in einer nur als „Company“ bezeichneten Firma tätig, bei der es sich im weitesten Sinne um eine Art postmoderne Kommunikationsagentur handelt. Arbeit im traditionellen Sinne wird dort nicht verrichtet, sondern eher Ideen gesammelt und Konzepte erstellt – auch ohne direkten Kundenauftrag. So soll U. einen „Great Report“ erstellen, in dem er – wie sein Chef Peyman es imaginiert – die zeitgenössische Gesellschaft beschreibt und auf einen Nenner bringt: „What I want you to do, he said, is name what’s taking place right now.“

(more…)


Kehrt die Popliteratur zurück?

Die Gegenwart als Thema in der deutschsprachigen Literatur

Ein alter Bekannter steht mal wieder ganz oben auf den Bestseller-Listen: Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiographie Panikherz, die natürlich keine wirkliche Biographie ist, sondern eher ein Bekenntnisbuch, eine Selbsterkundung, eine Bestandsaufnahme Deutschlands der letzten zwanzig Jahre, ein Ich-Roman anhand der Helden des Pop. Oder so. In den ausgehenden 90er Jahren war Stuckrad-Barre zusammen mit Christian Kracht der bekannteste Vertreter einer Literaturgattung (dass es sich überhaupt um Literatur handelte, bestritten manche allerdings), die Popliteratur genannt wurde. Natürlich gab es das auch schon vorher – allerdings nicht ganz so sexy, nervig und kommerziell erfolgreich wie Stuckrad-Barres erster Roman Soloalbum, der natürlich ebenfalls kein echter Roman war, sondern: siehe oben. Rainald Goetz hatte sich schon über zehn Jahre zuvor seine Stirn beim Bachmannpreis aufgeritzt, Joachim Lottmann schon Mitte der 80er Jahre von der Bohème in West-Berlin und Köln erzählt, Rolf-Dieter Brinkmann sogar schon in den 60ern popliterarische Verfahren aus der amerikanischen Literatur antizipiert. Nicht zu vergessen die Großen der englischsprachigen Literatur. Bret Easton Ellis, ohne dessen Roman Less Than Zero sicher kein Faserland hätte entstehen können – und später und weniger ambitioniert, Nick Hornby, der mit High Fidelity im Prinzip die Blaupause für Soloalbum geliefert hat.

(more…)


Die 90er Jahre als Erinnerung. Neue Platten von Radiohead, Sulk und anderen.

Musikkritik

Ich höre eigentlich nur im Badezimmer Radio. Seit Neuestem lade ich mir hin und wieder auch mal einen amerikanischen Podcast runter und höre ihn über mein Smartphone. Aber ist das überhaupt noch Radio? Diese Allzeit-Verfügbarkeit von kulturellen Inhalten (um es mal ökonomisch auszudrücken) kommt mir jedenfalls sehr entgegen. Angefangen hat es natürlich mit amerikanischen Serien, die plötzlich permanent im Internet verfügbar waren – und nicht mehr nur 22.15 Uhr an einem Dienstag auf einem bestimmten Programm gesendet wurden, meist ziemlich schlecht ins Deutsche übersetzt. In den 90er Jahren, als das bei mir so richtig losging mit dem Medienkonsum, musste ich noch meinen Vater bitten, den Videorekorder zu programmieren, damit er mir Alternative Nation, die Indiemusik-Sendung auf MTV, aufnahm, die für mich – als schulpflichtigen Frühaufsteher – zu inkompatiblen Zeiten gesendet wurde. Aber im Badezimmer geht es ja ohnehin nicht darum, neue Musik zu entdecken, sondern nur um Geräuschkulisse. Da tut es das gute alte Radio.

(more…)