Die Welt von Heute

Notiz

Vor einigen Wochen lief der Film Vor der Morgenröte im Kino. Er beschreibt in wenigen Episoden die letzten Jahre des Schriftstellers Stefan Zweig, der sich als österreichischer Jude während des Dritten Reichs auf der Flucht befindet und sich in Südamerika und in New York aufhält. Es ist ein zarter Film, eine behutsame Annäherung an den entwurzelten Pazifisten Zweig, der vom österreichischen Komiker Josef Hader gespielt wird. Hader schafft es fast nur mit Blicken und wenigen Gesten, die Verzweiflung auszudrücken, die Zweig in diesen Jahren als Flüchtling fühlen musste. Vielleicht stimmt die Binsenweisheit tatsächlich und existenzielle Traurigkeit kann am besten von vermeintlichen Spaßmachern verkörpert werden.

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„What else have you been hiding?” Celest Ngs Everything I never told you

Buchkritik

In Celeste Ngs Everything I never told you ist die Familie ein physikalisches Phänomen. Wie sie funktioniert, sich verändert und welche Dinge immer gleichbleiben, scheint auf physikalischen Gesetzen zu beruhen – schlichte Gegebenheiten, mit denen man sich anzufreunden hat.

Lydia, die älteste Tochter der amerikanisch-asiatischen Familie Lee, ist das „reluctant center“ innerhalb dieser Konstellation. Ihre Aufgabe ist es, die Welt ihrer Familie in Balance zu halten: „[…] she held the world together. She absorbed her parents‘ dreams, quieting the reluctance that bubbled up within.“ Der Vater wünscht sich, dass sie beliebt ist, weil er es – als Sohn von chinesischen Immigranten – nie sein konnte; die Mutter erhofft sich eine Karriere als Ärztin von ihrer Tochter, weil ihr es als Frau in den 1950ern und den 1960ern nicht gelang. Mit beiden Ansprüchen hat Lydia zu kämpfen. Sie ist nicht beliebt, spielt ihrem Vater jedoch Telefonanrufe von all ihren angeblichen Freundinnen vor; sie hat keine Leidenschaft für Naturwissenschaft, lernt aber dennoch intensiv, um ihre Mutter nicht zu enttäuschen. Von dem vorgespielten Leben ihrer Tochter wissen ihre Eltern nichts und werden es auch erst sehr spät erfahren.

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Über Judith Hermanns Erzählungen Lettipark

 Buckritik

Sogar, dass Judith Hermann schreiben kann, ist ja umstritten. Seit den Geschichten aus ihrem erfolgreichen Debüt Sommerhaus, später von 1998 gab es immer die Stimmen im Literaturbetrieb, die ihr absprachen, schreiben zu können. Schiefe Bilder, inhaltslose Sätze, Effekthascherei und natürlich Kitsch sei das, was Hermann da fabrizierte. Triviale Befindlichkeitsliteratur für verzogene Großstädter, die keine wirklichen Probleme haben – außer vielleicht, dass sie keine Probleme haben. Das ist natürlich Quatsch, einerseits. Andererseits ist es schade, dass ihre letzten beiden Bücher, der Roman Aller Liebe Anfang von 2014 und jetzt die im Frühjahr veröffentlichten Erzählungen Lettipark ihren nervigen und wahrscheinlich auch neidischen (immerhin ist Hermann eine weltweit erfolgreiche Literatin) Kritikern ein Stück weit recht geben.

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Über Tom McCarthys Satin Island, Deakin und Animal Collective

Buch- und Musikkritik

Manchmal fallen einem zufällig die seltsamsten Verbindungen, Verwandtschaften und Ähnlichkeiten auf. Eine Koinzidenz zwischen zwei oder mehreren eigentlich nicht in Verbindung stehenden Ereignissen oder Dingen. Vielleicht taucht diese Verknüpfung nur kurz auf, gewinnt plötzlich eine Bedeutung, die kurz darauf schon wieder verschüttet wird, wenn man sie nicht festhält und aufschreibt. Verwandtschaften zwischen scheinbar völlig getrennten Phänomenen spürt auch der Held in Tom McCartneys neuem Rom Satin Island nach. Er wird U. genannt und ist als Anthropologe in einer nur als „Company“ bezeichneten Firma tätig, bei der es sich im weitesten Sinne um eine Art postmoderne Kommunikationsagentur handelt. Arbeit im traditionellen Sinne wird dort nicht verrichtet, sondern eher Ideen gesammelt und Konzepte erstellt – auch ohne direkten Kundenauftrag. So soll U. einen „Great Report“ erstellen, in dem er – wie sein Chef Peyman es imaginiert – die zeitgenössische Gesellschaft beschreibt und auf einen Nenner bringt: „What I want you to do, he said, is name what’s taking place right now.“

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Songs: Von Paul Simon und Bob Dylan über Judee Sill bis Whitney

Musiknotizen

Paul Simon hat just ein neues Album veröffentlicht. Man spürt abermals, dass dem musikalischen Leiter des On and Off-Duos Simon and Garfunkel eines nicht zu attestieren ist: Ambitionslos geblieben zu sein. Mit akribischer Neugierde verfolgt er den einmal eingeschlagenen Weg auf der Suche nach den Variablen und Herangehensweisen ans kosmopolitische, nahezu universelle Liedermachen konsequent weiter, manchmal vielleicht zu verkopft. Angefangen hat es mit seinem Londoner Songbook, das kurz nach der ersten kommerziellen Veröffentlichung mit dem hassgeliebten Partner Art im britischen Sabbatical entstand und bereits einige der späteren Hits enthielt. Ende der sechziger Jahre gesellten sich die bekannten Pophymnen hinzu, deren Kern er anschließend auf Solopfaden in einem kontinuierlichen kreativen Hoch gedeihen ließ, als er massiv mit Instrumentierung, Produktion, Einflüssen, aber auch den typischerweise hauchdünn abseitigen Akkordlegierungen herumprobierte.

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Kehrt die Popliteratur zurück?

Die Gegenwart als Thema in der deutschsprachigen Literatur

Ein alter Bekannter steht mal wieder ganz oben auf den Bestseller-Listen: Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiographie Panikherz, die natürlich keine wirkliche Biographie ist, sondern eher ein Bekenntnisbuch, eine Selbsterkundung, eine Bestandsaufnahme Deutschlands der letzten zwanzig Jahre, ein Ich-Roman anhand der Helden des Pop. Oder so. In den ausgehenden 90er Jahren war Stuckrad-Barre zusammen mit Christian Kracht der bekannteste Vertreter einer Literaturgattung (dass es sich überhaupt um Literatur handelte, bestritten manche allerdings), die Popliteratur genannt wurde. Natürlich gab es das auch schon vorher – allerdings nicht ganz so sexy, nervig und kommerziell erfolgreich wie Stuckrad-Barres erster Roman Soloalbum, der natürlich ebenfalls kein echter Roman war, sondern: siehe oben. Rainald Goetz hatte sich schon über zehn Jahre zuvor seine Stirn beim Bachmannpreis aufgeritzt, Joachim Lottmann schon Mitte der 80er Jahre von der Bohème in West-Berlin und Köln erzählt, Rolf-Dieter Brinkmann sogar schon in den 60ern popliterarische Verfahren aus der amerikanischen Literatur antizipiert. Nicht zu vergessen die Großen der englischsprachigen Literatur. Bret Easton Ellis, ohne dessen Roman Less Than Zero sicher kein Faserland hätte entstehen können – und später und weniger ambitioniert, Nick Hornby, der mit High Fidelity im Prinzip die Blaupause für Soloalbum geliefert hat.

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Jonathan Littell erzählt eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu

Buchkritik

Vor ziemlich genau zehn Jahren veröffentlichte der französisch-amerikanische Journalist Jonathan Littell ein Buch namens Les Bienveillantes. Der Titel entspricht dem französischen Namen des dritten Teils von Aischylos’ Orestie, den Eumeniden. In Deutschland erschien der Text unter der dahingehend gängigen Übersetzung Die Wohlgesinnten. Littell gelang es darin, in Umfang und enzyklopädischer Tragweite der großen Romane des 19. Jahrhunderts eine Autobiographie von Täterschaft durch die Perspektive eines SS-Offiziers während des Zweiten Weltkriegs auszubreiten. Wie in der antiken Referenz stellt die Konfrontation von mythischer Imagination mit dem Pragmatismus eines allzu menschlichen Bürokratie- und Rechtsapparates eine durchgehende Verhandlungslinie des Buches dar, das sich mit seinem kontroversen Thema schließlich selbst vor dem Areopag der Literaturkritik wiederfand.

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Die 90er Jahre als Erinnerung. Neue Platten von Radiohead, Sulk und anderen.

Musikkritik

Ich höre eigentlich nur im Badezimmer Radio. Seit Neuestem lade ich mir hin und wieder auch mal einen amerikanischen Podcast runter und höre ihn über mein Smartphone. Aber ist das überhaupt noch Radio? Diese Allzeit-Verfügbarkeit von kulturellen Inhalten (um es mal ökonomisch auszudrücken) kommt mir jedenfalls sehr entgegen. Angefangen hat es natürlich mit amerikanischen Serien, die plötzlich permanent im Internet verfügbar waren – und nicht mehr nur 22.15 Uhr an einem Dienstag auf einem bestimmten Programm gesendet wurden, meist ziemlich schlecht ins Deutsche übersetzt. In den 90er Jahren, als das bei mir so richtig losging mit dem Medienkonsum, musste ich noch meinen Vater bitten, den Videorekorder zu programmieren, damit er mir Alternative Nation, die Indiemusik-Sendung auf MTV, aufnahm, die für mich – als schulpflichtigen Frühaufsteher – zu inkompatiblen Zeiten gesendet wurde. Aber im Badezimmer geht es ja ohnehin nicht darum, neue Musik zu entdecken, sondern nur um Geräuschkulisse. Da tut es das gute alte Radio.

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Dieses ozeanische Gefühl. Jeff Lemires Underwater Welder

Buchkritik

Auf den ersten Seiten gibt es das programmatische Setup. In vier Panels, direkt untereinander, wird uns zunächst ein Leuchtturm im Gewitter gezeigt, darunter ein bärtiges Gesicht im Profil mit einer frischen Zigarette im Mund. Noch einen Schritt tiefer blickt man in die Augen des Gesichts, zurückgeworfen vom Spiegel der Frontscheibe eines Autos. Schließlich sieht man eine Hand am Radio, auf der Suche nach Musik. Danach bietet eine ganze Seite Platz für das Panorama (man muss vorher umblättern): Leuchtturm, Bootstege, Hafenhäuser an der Hafenpromenade und ein dazugehöriger Strandabschnitt, von den wilden Wellen umspielt, in die ein stürmischer Regen hinabfällt. Am Rand der Wagen mit dem Mann mit der Zigarette, mit dem Gesicht, mit der Hand am Radio. Daraufhin wieder drei Seiten mit jeweils vier Ausschnitten. Wir sehen, wie das Radio ausgeschaltet wird, die Kippe sich dem Ende neigt, später weicht sie in der Profilansicht einem Bier. Kein Zweifel, dass das nasse Element in all seinen Formen vom Neopren der inzwischen gezeigten Taucherausrüstung abgewehrt wird: Von oben das Wetter, von der Seite die See, doch von außen nach innen der Alkohol, der ein Begehren darstellt, welches durch die Rüstung des Tauchers abgeschirmt ist. Die Taucherflossen sind bald angelegt, die Brille aufgesetzt. Dahinter sehen wir noch einmal das Gesicht, es lässt neben den turbulenten Pupillen aus Bleistiftringen allenfalls noch ein paar Tropfen auf der Haut erkennen, unsicher darüber, ob sie nun Regen, Schweiß oder Tränen darstellen. Auf der nächsten Seite endlich watet die Gestalt in vier Schritten hinab in die See. Wir zoomen heran, näher, näher, nah, bis nur noch der Strudel zu erkennen ist, über dem eben noch ein Mensch, dann nur sein Kopf zu sehen war. Das Wasser als feindseliges Habitat und Sehnsuchtsort zugleich – halb zieht es ihn, halb sinkt er hin.

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Pierre Menard mit Borges und Cervantes im Austausch

Notiz

Vor Kurzem wurde an vielen Stellen auf verschiedene Weise der vierhundertste Todestag von Miguel de Cervantes und William Shakespeare begangen. Beider Autoren Sterben fällt veralteten Lexika zufolge nominell auf dasselbe kalendarische Datum, fand aber doch nicht am selben Tag statt, die Verzögerung der Übernahme des Gregorianischen Kalenders in England ist schuld. Ein solches Vexierspiel von Zeit und Zeichen hätte nicht schlecht in die pikareske Moderne, Postmoderne, wahlweise auch Postpostmoderne gepasst, die Cervantes in seinem farbenfrohen Don Quijote zum Leben erweckte. Wenn ich nun mit etwas Verzögerung auf dieses Ereignis und seine Umstände zu sprechen komme, dann auch mit einem zugleich leicht verfrühten Blick auf einen der vielleicht aspirativsten Cervantes-Exegeten. (Anerkannter Cervantes-Deuter zu sein, gehört übrigens ja eigentlich zum quijotischen Ritterschlag unter Literaturwissenschaftlern, Literaturkritikern und Dichtern gleichermaßen.) Die Rede ist von Pierre Menard, dieser dem berühmten Hidalgo ebenbürtigen Figur aus den verschlungenen Pfaden der Ficciones von Jorge Luis Borges, der wiederum am 14. Juni 1986 gestorben ist. Das dreißigste Jahr seines Todes nähert sich also rapide dem Ende und wird mit Sicherheit ebenfalls seine Erwähnungen finden. Die Zeit des Dazwischen – Cervantes ist schon ein paar Wochen vierhundert Jahre perdu und Borges wartet noch auf die Erinnerungsfeier – sei hier genutzt, um kurz des gelenkigen Dialogs zu gedenken, den Borges mit dem großen spanischen Schriftsteller in seiner Erzählung Pierre Menard, Autor des Quijote unterhält.

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