Über Judith Hermanns Erzählungen Lettipark

 Buckritik

Sogar, dass Judith Hermann schreiben kann, ist ja umstritten. Seit den Geschichten aus ihrem erfolgreichen Debüt Sommerhaus, später von 1998 gab es immer die Stimmen im Literaturbetrieb, die ihr absprachen, schreiben zu können. Schiefe Bilder, inhaltslose Sätze, Effekthascherei und natürlich Kitsch sei das, was Hermann da fabrizierte. Triviale Befindlichkeitsliteratur für verzogene Großstädter, die keine wirklichen Probleme haben – außer vielleicht, dass sie keine Probleme haben. Das ist natürlich Quatsch, einerseits. Andererseits ist es schade, dass ihre letzten beiden Bücher, der Roman Aller Liebe Anfang von 2014 und jetzt die im Frühjahr veröffentlichten Erzählungen Lettipark ihren nervigen und wahrscheinlich auch neidischen (immerhin ist Hermann eine weltweit erfolgreiche Literatin) Kritikern ein Stück weit recht geben.

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Über Tom McCarthys Satin Island, Deakin und Animal Collective

Buch- und Musikkritik

Manchmal fallen einem zufällig die seltsamsten Verbindungen, Verwandtschaften und Ähnlichkeiten auf. Eine Koinzidenz zwischen zwei oder mehreren eigentlich nicht in Verbindung stehenden Ereignissen oder Dingen. Vielleicht taucht diese Verknüpfung nur kurz auf, gewinnt plötzlich eine Bedeutung, die kurz darauf schon wieder verschüttet wird, wenn man sie nicht festhält und aufschreibt. Verwandtschaften zwischen scheinbar völlig getrennten Phänomenen spürt auch der Held in Tom McCartneys neuem Rom Satin Island nach. Er wird U. genannt und ist als Anthropologe in einer nur als „Company“ bezeichneten Firma tätig, bei der es sich im weitesten Sinne um eine Art postmoderne Kommunikationsagentur handelt. Arbeit im traditionellen Sinne wird dort nicht verrichtet, sondern eher Ideen gesammelt und Konzepte erstellt – auch ohne direkten Kundenauftrag. So soll U. einen „Great Report“ erstellen, in dem er – wie sein Chef Peyman es imaginiert – die zeitgenössische Gesellschaft beschreibt und auf einen Nenner bringt: „What I want you to do, he said, is name what’s taking place right now.“

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Songs: Von Paul Simon und Bob Dylan über Judee Sill bis Whitney

Musiknotizen

Paul Simon hat just ein neues Album veröffentlicht. Man spürt abermals, dass dem musikalischen Leiter des On and Off-Duos Simon and Garfunkel eines nicht zu attestieren ist: Ambitionslos geblieben zu sein. Mit akribischer Neugierde verfolgt er den einmal eingeschlagenen Weg auf der Suche nach den Variablen und Herangehensweisen ans kosmopolitische, nahezu universelle Liedermachen konsequent weiter, manchmal vielleicht zu verkopft. Angefangen hat es mit seinem Londoner Songbook, das kurz nach der ersten kommerziellen Veröffentlichung mit dem hassgeliebten Partner Art im britischen Sabbatical entstand und bereits einige der späteren Hits enthielt. Ende der sechziger Jahre gesellten sich die bekannten Pophymnen hinzu, deren Kern er anschließend auf Solopfaden in einem kontinuierlichen kreativen Hoch gedeihen ließ, als er massiv mit Instrumentierung, Produktion, Einflüssen, aber auch den typischerweise hauchdünn abseitigen Akkordlegierungen herumprobierte.

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Kehrt die Popliteratur zurück?

Die Gegenwart als Thema in der deutschsprachigen Literatur

Ein alter Bekannter steht mal wieder ganz oben auf den Bestseller-Listen: Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiographie Panikherz, die natürlich keine wirkliche Biographie ist, sondern eher ein Bekenntnisbuch, eine Selbsterkundung, eine Bestandsaufnahme Deutschlands der letzten zwanzig Jahre, ein Ich-Roman anhand der Helden des Pop. Oder so. In den ausgehenden 90er Jahren war Stuckrad-Barre zusammen mit Christian Kracht der bekannteste Vertreter einer Literaturgattung (dass es sich überhaupt um Literatur handelte, bestritten manche allerdings), die Popliteratur genannt wurde. Natürlich gab es das auch schon vorher – allerdings nicht ganz so sexy, nervig und kommerziell erfolgreich wie Stuckrad-Barres erster Roman Soloalbum, der natürlich ebenfalls kein echter Roman war, sondern: siehe oben. Rainald Goetz hatte sich schon über zehn Jahre zuvor seine Stirn beim Bachmannpreis aufgeritzt, Joachim Lottmann schon Mitte der 80er Jahre von der Bohème in West-Berlin und Köln erzählt, Rolf-Dieter Brinkmann sogar schon in den 60ern popliterarische Verfahren aus der amerikanischen Literatur antizipiert. Nicht zu vergessen die Großen der englischsprachigen Literatur. Bret Easton Ellis, ohne dessen Roman Less Than Zero sicher kein Faserland hätte entstehen können – und später und weniger ambitioniert, Nick Hornby, der mit High Fidelity im Prinzip die Blaupause für Soloalbum geliefert hat.

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Jonathan Littell erzählt eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu

Buchkritik

Vor ziemlich genau zehn Jahren veröffentlichte der französisch-amerikanische Journalist Jonathan Littell ein Buch namens Les Bienveillantes. Der Titel entspricht dem französischen Namen des dritten Teils von Aischylos’ Orestie, den Eumeniden. In Deutschland erschien der Text unter der dahingehend gängigen Übersetzung Die Wohlgesinnten. Littell gelang es darin, in Umfang und enzyklopädischer Tragweite der großen Romane des 19. Jahrhunderts eine Autobiographie von Täterschaft durch die Perspektive eines SS-Offiziers während des Zweiten Weltkriegs auszubreiten. Wie in der antiken Referenz stellt die Konfrontation von mythischer Imagination mit dem Pragmatismus eines allzu menschlichen Bürokratie- und Rechtsapparates eine durchgehende Verhandlungslinie des Buches dar, das sich mit seinem kontroversen Thema schließlich selbst vor dem Areopag der Literaturkritik wiederfand.

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Die 90er Jahre als Erinnerung. Neue Platten von Radiohead, Sulk und anderen.

Musikkritik

Ich höre eigentlich nur im Badezimmer Radio. Seit Neuestem lade ich mir hin und wieder auch mal einen amerikanischen Podcast runter und höre ihn über mein Smartphone. Aber ist das überhaupt noch Radio? Diese Allzeit-Verfügbarkeit von kulturellen Inhalten (um es mal ökonomisch auszudrücken) kommt mir jedenfalls sehr entgegen. Angefangen hat es natürlich mit amerikanischen Serien, die plötzlich permanent im Internet verfügbar waren – und nicht mehr nur 22.15 Uhr an einem Dienstag auf einem bestimmten Programm gesendet wurden, meist ziemlich schlecht ins Deutsche übersetzt. In den 90er Jahren, als das bei mir so richtig losging mit dem Medienkonsum, musste ich noch meinen Vater bitten, den Videorekorder zu programmieren, damit er mir Alternative Nation, die Indiemusik-Sendung auf MTV, aufnahm, die für mich – als schulpflichtigen Frühaufsteher – zu inkompatiblen Zeiten gesendet wurde. Aber im Badezimmer geht es ja ohnehin nicht darum, neue Musik zu entdecken, sondern nur um Geräuschkulisse. Da tut es das gute alte Radio.

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Dieses ozeanische Gefühl. Jeff Lemires Underwater Welder

Buchkritik

Auf den ersten Seiten gibt es das programmatische Setup. In vier Panels, direkt untereinander, wird uns zunächst ein Leuchtturm im Gewitter gezeigt, darunter ein bärtiges Gesicht im Profil mit einer frischen Zigarette im Mund. Noch einen Schritt tiefer blickt man in die Augen des Gesichts, zurückgeworfen vom Spiegel der Frontscheibe eines Autos. Schließlich sieht man eine Hand am Radio, auf der Suche nach Musik. Danach bietet eine ganze Seite Platz für das Panorama (man muss vorher umblättern): Leuchtturm, Bootstege, Hafenhäuser an der Hafenpromenade und ein dazugehöriger Strandabschnitt, von den wilden Wellen umspielt, in die ein stürmischer Regen hinabfällt. Am Rand der Wagen mit dem Mann mit der Zigarette, mit dem Gesicht, mit der Hand am Radio. Daraufhin wieder drei Seiten mit jeweils vier Ausschnitten. Wir sehen, wie das Radio ausgeschaltet wird, die Kippe sich dem Ende neigt, später weicht sie in der Profilansicht einem Bier. Kein Zweifel, dass das nasse Element in all seinen Formen vom Neopren der inzwischen gezeigten Taucherausrüstung abgewehrt wird: Von oben das Wetter, von der Seite die See, doch von außen nach innen der Alkohol, der ein Begehren darstellt, welches durch die Rüstung des Tauchers abgeschirmt ist. Die Taucherflossen sind bald angelegt, die Brille aufgesetzt. Dahinter sehen wir noch einmal das Gesicht, es lässt neben den turbulenten Pupillen aus Bleistiftringen allenfalls noch ein paar Tropfen auf der Haut erkennen, unsicher darüber, ob sie nun Regen, Schweiß oder Tränen darstellen. Auf der nächsten Seite endlich watet die Gestalt in vier Schritten hinab in die See. Wir zoomen heran, näher, näher, nah, bis nur noch der Strudel zu erkennen ist, über dem eben noch ein Mensch, dann nur sein Kopf zu sehen war. Das Wasser als feindseliges Habitat und Sehnsuchtsort zugleich – halb zieht es ihn, halb sinkt er hin.

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Pierre Menard mit Borges und Cervantes im Austausch

Notiz

Vor Kurzem wurde an vielen Stellen auf verschiedene Weise der vierhundertste Todestag von Miguel de Cervantes und William Shakespeare begangen. Beider Autoren Sterben fällt veralteten Lexika zufolge nominell auf dasselbe kalendarische Datum, fand aber doch nicht am selben Tag statt, die Verzögerung der Übernahme des Gregorianischen Kalenders in England ist schuld. Ein solches Vexierspiel von Zeit und Zeichen hätte nicht schlecht in die pikareske Moderne, Postmoderne, wahlweise auch Postpostmoderne gepasst, die Cervantes in seinem farbenfrohen Don Quijote zum Leben erweckte. Wenn ich nun mit etwas Verzögerung auf dieses Ereignis und seine Umstände zu sprechen komme, dann auch mit einem zugleich leicht verfrühten Blick auf einen der vielleicht aspirativsten Cervantes-Exegeten. (Anerkannter Cervantes-Deuter zu sein, gehört übrigens ja eigentlich zum quijotischen Ritterschlag unter Literaturwissenschaftlern, Literaturkritikern und Dichtern gleichermaßen.) Die Rede ist von Pierre Menard, dieser dem berühmten Hidalgo ebenbürtigen Figur aus den verschlungenen Pfaden der Ficciones von Jorge Luis Borges, der wiederum am 14. Juni 1986 gestorben ist. Das dreißigste Jahr seines Todes nähert sich also rapide dem Ende und wird mit Sicherheit ebenfalls seine Erwähnungen finden. Die Zeit des Dazwischen – Cervantes ist schon ein paar Wochen vierhundert Jahre perdu und Borges wartet noch auf die Erinnerungsfeier – sei hier genutzt, um kurz des gelenkigen Dialogs zu gedenken, den Borges mit dem großen spanischen Schriftsteller in seiner Erzählung Pierre Menard, Autor des Quijote unterhält.

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Über A Hologram for the King

Filmkritik

Dann ist der Film plötzlich vorbei. Ich sitze im Kino und bin etwas überrascht. Rezensionen sollten ja nicht den Schluss eines Films spoilern, aber zu verraten, dass ein Film erstaunlich plötzlich zu Ende geht, wird den Genuss schon nicht schmälern. So geschieht es nämlich bei Tom Tykwers neuem Film A Hologram for the King, mit Tom Hanks in der Hauptrolle. Die Buchvorlage schrieb Dave Eggers, der mit seinem letzten Roman The Circle die Zukunftsvision schlechthin für das Internet in Zeiten von Big Data und allesumfassender digitaler Überwachung entworfen hat. Auch in A Hologram for the King geht es um große Themen der Gegenwart: Globalisierung und Islam. Zum Glück hat Tykwer Hanks für den Film gewinnen können, der mit seiner niedlichen Wurstigkeit noch die sperrigsten Zusammenhänge auf amerikanische Vorstadtgröße zusammenschrumpfen lassen kann. Der von Hanks gespielte Alan Clay besitzt die gleiche Fähigkeit: Er kann große Fragen gut simplifizieren, wie Clay selbst erzählt.

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„Something would happen“ – Chimamanda Ngozi Adichies Purple Hibiscus

Buchkritik

Chimamanda Ngozi Adichie ist längst kein unbekannter Name mehr. Erst 38 Jahre alt hat sie schon drei preisgekrönte Romane und eine Kurzgeschichtensammlung veröffentlicht und gilt zu Recht als die moderne weibliche Stimme Nigerias, die oft sogar im selben Atemzug mit Chinua Achebe genannt wird. So beginnt auch ihr Debütroman Purple Hibiscus (2004) mit einer Anspielung auf Achebes wohl bekanntesten Roman: „Things started to fall apart at home when my brother, Jaja, did not go to communion“. Der erste Satz gibt auch schon all das wieder, wovon der Roman handeln wird, denn er endet mit: „and Papa flung his heavy missal across the room and broke the figurines on the étagère“. Die Familie im Zentrum des Romans steht im Bannkreis eines streng religiösen Vaters, der andächtige Stille im Haus verlangt und seine Familie in jeder ihrer Tätigkeiten kontrolliert. Bei jedem Verstoß fügt er seinen zwei Kindern und seiner Frau Gewalt zu. Sinnbildlich wirft er also das Messbuch nach seinem Sohn. Sein obsessives Verlangen danach, ein strenger Christ zu sein, wird seine Familie im Laufe des Romans zerfressen und schließlich zu seinem eigenen Verfall führen.

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