Über Podcasts

Notiz

Wie so oft war ich zu spät dran, als ich vor etwa eineinhalb Jahren begann, regelmäßig Podcasts zu hören. Auch in Deutschland, wo dieses Hörformat noch ein kulturelles Nischendasein führt, gibt es inzwischen unzählige Podcasts: von eigenhändig aufgenommenen Talksendungen bis hin zu professionell produzierten, vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk finanzierten Features. Und natürlich stellen Radiosender ihre Sendungen oft zum Nachhören ins Internet. Analog zum Serientrend sind jedoch auch die amerikanischen Produktionen hierzulande weitverbreitet. So steht momentan etwa S-Town, ein neuer Ableger des berühmten Serial-Podcast aus Chicago, auf den vorderen Rängen der deutschen iTunes-Charts.

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Die Verlorenen

Der Verlust von räumlichen und zeitlichen Bezugspunkten im Angesicht von Mobilität und Flexibilität wird zunehmend zum bestimmenden Paradigma der postindustriellen westlichen Welt. 

 

1 Am Flughafen

Jedes Mal, wenn ich am Gepäckband eines Flughafens stehe und auf meinen Koffer warte, spüre ich diese Spannung. Aus einer Öffnung kullern die Gepäckstücke und begeben sich auf eine behäbige Runde. Geht dieses Mal wieder alles gut? Werde ich gleich meinen Koffer erspähen und endlich gelassen nach vorne treten und ihn vom Band hieven? Wer zu den Unglücklichen gehört, die schon einmal die unheimliche Ruhe erlebt haben, nachdem das letzte Gepäckstück seine Runde gedreht hat und mit einem Ruck das Band zum Stehen kommt, wird diese Minuten nach dem Flug sicher ähnlich unruhig verbringen wie ein Reisender mit Flugangst die Stunden zuvor.

Vor etlichen Jahren, auf einem Flug nach Budapest, passierte es auch mir. Natürlich kannte ich die Legenden, die von den unvorstellbaren Mengen Gepäck handelten, das täglich auf Flügen verloren ging. Trotzdem schien es die Regel zu sein, dass spätestens nach ein paar Tagen die Koffer auf verschlungenen Wegen wieder zu einem gelangen. Das war auch der Tenor der Auskünfte, die ich am Lost & Found-Schalter des Flughafens und von den Hotlines der Fluglinie erhielt. „Ihr Gepäck ist nicht verloren, sondern im Moment nur nicht da“, erinnere ich noch einen Satz einer Mitarbeiterin des Flughafens. Auch der Name „Lost & Found“ beruhigte mich ein wenig. Doch meine Reisetasche blieb verschwunden.

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Über Designated Survivor

Serienkritik

Wenn der amerikanische Präsident die Rede zur Lage der Nation, die State of the Union Address, im Kongress hält, und alle Regierungsvertreter und Parlamentarier anwesend sind, muss ein Minister dieser Veranstaltung fern bleiben. Dieser designated survivor soll etwa im Falle eines Anschlages, bei dem die gesamte Regierung zu Tode kommt, die Regierungsgeschäfte übernehmen und Präsident werden. Im Prinzip ist das mehr politische Folklore als Sicherheitsmaßnahme. Eine neue Serie des Senders ABC (in Deutschland auf Netflix zu sehen) nimmt dies nun als Ausgangspunkt: Ein monumentaler Anschlag tötet den amerikanischen Präsidenten, sein Kabinett und alle Mitglieder des Kongresses. Jedenfalls sieht es am Beginn der Serie so aus. Als designated survivor überlebt nur der Minister für Housing and Urban Development Tom Kirkman, gespielt von Kiefer Sutherland. Kirkman gehört keiner der beiden großen politischen Parteien an, er ist ein unabhängiger Fachmann, der zu allem Überfluss am Morgen des Anschlags von seiner bevorstehenden Entlassung erfahren hat.

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Black Mirror und Daniel Kehlmanns Du hättest gehen sollen

Fernsehkritik

Die Dystopie hat einen bemerkenswerten Punkt in der eigenen Gattungsgeschichte erreicht: Sie mag deswegen derzeit so lebendig sein, weil wir sie in unserer Erfahrung, unserem Alltag längst selbst erreicht zu haben meinen. Aus genau diesem Grund müsste sie als Genre aber eigentlich auch überflüssig werden, sich selbst abschaffen. Was nützt es, eine von Screens, Social Media, Big Data oder Totalitarismus und Konsum zerfressene Welt als Zukunftsprojektion anzuschauen, wenn sie doch weniger als Hochrechnung denn als verdichtete Verzerrung des Gegenwärtigen gelten kann?

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„Bob Dylan“

Extrablatt Kein Papier

Ein erster Witz zur Entscheidung vom Donnerstag, Bob Dylan mit dem Literaturnobelpreis auszuzeichnen, handelte davon, dass ja vielmehr der Preis mit Bob Dylan ausgezeichnet würde. Das Körnchen Wahrheit besteht hier in dem Schauer vor der Kreatur, die „Zimmermann“ vor bereits viel zu vielen Jahrzehnten erschaffen hat. Ihre Beständigkeit und ihre Geste permanenter Revolution in so vielen Bereichen ist anziehend und abstoßend zugleich. Diejenigen, die ihren Glanz nicht fassen können, wundern sich über die pure Möglichkeit eines Lebens, wie es Dylan geführt hat. Und diejenigen, die wie Ionen von diesem Glanz angezogen werden, empfinden ihn mindestens genauso unheimlich wie die anderen, nur dass sie es in andere Konsequenzen für sich übersetzen. Wie auch immer man reagiert, das Kuriosum dieses unmöglichen Lebens wurde möglicherweise auch vom Komitee bedacht und mitgespielt. Die verschobene Verkündigung – eine Woche nach den anderen Nobelpreisen – reagierte prophylaktisch auf die Besonderheit dieses Ereignisses.

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Über das neue Album Spaceland von Sin Fang

Musikkritik

Auf Sin Fang stieß ich eigentlich erst recht spät. Jedenfalls dachte ich das. 2013 sah ich eine Live-Performance, die der amerikanischen Radiosender KEXP übertrug und als Video und Podcast ins Internet stellte. Sin Fang stand hinter einem Tisch mit unzähligen Kabeln, Keyboards und Knöpfen und zusammen mit einem Musikkollegen erschuf er einen erstaunlich breiten und eingängigen Elektro-Sound über dem seine sanfte, oft zerbrechliche Stimme schwebte, die mir irgendwie bekannt vorkam. Ich fand heraus, dass Sin Fang unter seinem beeindruckenden bürgerlichen Namen Sindri Már Sigfússon bei der Folk-Band Seabear gesungen hatte. Inzwischen war er als Solokünstler unterwegs und hatte zu diesem Zeitpunkt schon drei Alben beim deutschen Label Morr Music veröffentlicht (das erste noch unter dem Namen Sin Fang Bous).

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Das Verschwinden des Verschwundenen: Christian Krachts neuer Roman Die Toten 1

Buchkritik

Eigentlich ist es verwunderlich, dass Christian Krachts Bücher heiß erwartete Bestseller geworden sind. Ein bekannter Schriftsteller ist Kracht zwar schon seit seinem Debüt Faserland von 1995, das ihn zum führenden Kopf einer nicht immer ernst genommen deutschsprachigen Popliteratur machte. Inzwischen wird Kracht aber auch in der Wissenschaft breit rezipiert und die Veröffentlichung eines neuen Romans ist ein literarisches Ereignis ersten Ranges, vom Feuilleton breit besprochen und gelobt.

Natürlich hat Krachts Erfolg auch mit seiner unterhaltsamen und auf vielen Ebenen gebrochenen Selbstinszenierung zu tun. Eine Episode aus einer Geschichte, die im Band New Wave veröffentlicht wurde, zeigt diese Inszenierung sehr schön: Der Kracht im Text trifft in Kairo den Schriftstellerkollegen Thomas Brussig und zwischen den beiden entspannt sich ein diffuser Dialog, der mit der indirekt wiedergegeben Feststellung Brussigs endet: „Das würde ja auch keiner von Ihnen erwarten, ein Christian Kracht, der nicht betrunken ist. Das gehöre ja sozusagen dazu, das Toxologische.“ Kracht darauf: „Oh Gott. Darauf ein Prozac genommen.“

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Die Welt von Heute

Notiz

Vor einigen Wochen lief der Film Vor der Morgenröte im Kino. Er beschreibt in wenigen Episoden die letzten Jahre des Schriftstellers Stefan Zweig, der sich als österreichischer Jude während des Dritten Reichs auf der Flucht befindet und sich in Südamerika und in New York aufhält. Es ist ein zarter Film, eine behutsame Annäherung an den entwurzelten Pazifisten Zweig, der vom österreichischen Komiker Josef Hader gespielt wird. Hader schafft es fast nur mit Blicken und wenigen Gesten, die Verzweiflung auszudrücken, die Zweig in diesen Jahren als Flüchtling fühlen musste. Vielleicht stimmt die Binsenweisheit tatsächlich und existenzielle Traurigkeit kann am besten von vermeintlichen Spaßmachern verkörpert werden.

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„What else have you been hiding?” Celest Ngs Everything I never told you

Buchkritik

In Celeste Ngs Everything I never told you ist die Familie ein physikalisches Phänomen. Wie sie funktioniert, sich verändert und welche Dinge immer gleichbleiben, scheint auf physikalischen Gesetzen zu beruhen – schlichte Gegebenheiten, mit denen man sich anzufreunden hat.

Lydia, die älteste Tochter der amerikanisch-asiatischen Familie Lee, ist das „reluctant center“ innerhalb dieser Konstellation. Ihre Aufgabe ist es, die Welt ihrer Familie in Balance zu halten: „[…] she held the world together. She absorbed her parents‘ dreams, quieting the reluctance that bubbled up within.“ Der Vater wünscht sich, dass sie beliebt ist, weil er es – als Sohn von chinesischen Immigranten – nie sein konnte; die Mutter erhofft sich eine Karriere als Ärztin von ihrer Tochter, weil ihr es als Frau in den 1950ern und den 1960ern nicht gelang. Mit beiden Ansprüchen hat Lydia zu kämpfen. Sie ist nicht beliebt, spielt ihrem Vater jedoch Telefonanrufe von all ihren angeblichen Freundinnen vor; sie hat keine Leidenschaft für Naturwissenschaft, lernt aber dennoch intensiv, um ihre Mutter nicht zu enttäuschen. Von dem vorgespielten Leben ihrer Tochter wissen ihre Eltern nichts und werden es auch erst sehr spät erfahren.

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Über Judith Hermanns Erzählungen Lettipark

 Buckritik

Sogar, dass Judith Hermann schreiben kann, ist ja umstritten. Seit den Geschichten aus ihrem erfolgreichen Debüt Sommerhaus, später von 1998 gab es immer die Stimmen im Literaturbetrieb, die ihr absprachen, schreiben zu können. Schiefe Bilder, inhaltslose Sätze, Effekthascherei und natürlich Kitsch sei das, was Hermann da fabrizierte. Triviale Befindlichkeitsliteratur für verzogene Großstädter, die keine wirklichen Probleme haben – außer vielleicht, dass sie keine Probleme haben. Das ist natürlich Quatsch, einerseits. Andererseits ist es schade, dass ihre letzten beiden Bücher, der Roman Aller Liebe Anfang von 2014 und jetzt die im Frühjahr veröffentlichten Erzählungen Lettipark ihren nervigen und wahrscheinlich auch neidischen (immerhin ist Hermann eine weltweit erfolgreiche Literatin) Kritikern ein Stück weit recht geben.

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